Roßwag (sr) – Wenn der wüsste, der Gevatter Storch... Seit zwei Wochen treibt sich auf den Feuchtwiesen zwischen Roßwag und Mühlhausen ein Weißstorch herum. Sein Anblick versetzt Naturfreunde in Verzückung und schürt Hoffnungen auf eine Storchenfamilie im nächsten Jahr.
Vor lauter Freude schüttelt es den ganzen Körper von Ortrud Sickert durch: „Ich habe mich einfach so gefreut, dass wieder ein Storch da ist.“ Und, so ihre große Hoffnung, wenn der Einzelgänger sich auf den Wiesen zwischen Roßwag und Mühlhausen wohl fühlt, könnte Aussicht auf ein Storchenpärchen im nächsten Jahr bestehen. Seit 37 Jahren lebt das naturverbundene Paar Ortrud und Paul Sickert im Vaihinger Ortsteil Roßwag. Täglich steht mindestens eine Stunde Radfahren auf dem Programm der beiden, seit der Weißstorch da ist natürlich in Richtung des prominenten Schreitvogels. Selbstverständlich wird dabei immer ein gebührender Abstand eingehalten, denn das „Viechle“ soll nicht gestört werden. „Gestern waren wir zwei Stunden bei ihm“, erzählt Ortrud Sickert und ihr Mann ergänzt: „Als meine Frau fotografiert hat, habe ich mir erlaubt, eine Wandergruppe umzuleiten.“ Diese zeigte Verständnis für das Anliegen des Tierfreunds und schlug klaglos den neuen Kurs ein. Meister Adebar ist Thema im Roßwager Tal: „Wir begegnen jetzt regelmäßig Leuten, die nach dem Storch gucken. Die nehmen alle Rücksicht und halten genügend Abstand von dem Tier.“
Störche und Roßwag – beide verbindet eine lange Tradition. Einer der betagten Zeitzeugen kann im Grundschulgebäude des Ortes bewundert werden – in voller Pracht und ausgestopft steht dort ein Storch. Schulleiterin Elke Alberts öffnet das Schulhaus für die Neugierigen. Im zweiten Stock wird das Präparat aus der schützenden Ecke gerückt. Instinktiv pustet Ortrud Sickert einige Staubflocken vom Grauschleier des Gefieders. Das Alter des konservierten Vogels sorgt zunächst für Verwirrung. Sickert sagt, ihr sei das Präparat als letzter Roßwager Weißstorch bekannt. In den 50er Jahren soll der Kontakt mit einer Stromleitung ihn dahingerafft haben. Auch Maria Schmidt, die Hausmeisterin, unterbricht ihre Tätigkeit und bestätitgt „ich habe ebenfalls gehört, dass es der letzte Storch von Roßwag war“. Um dem Rätselraten ein Ende zu bereiten, wird ein Ur-Roßwager befragt.
Zur Überraschung der Zuhörer erzählt der 79-jährige Willy Böhringer allerdings eine andere Storchengeschichte. Er sei noch Schüler gewesen, da wurde das Präparat im Unterricht gezeigt. Als er daheim vom ausgestopften Storch erzählte, habe Vater Wilhelm gesagt, dass er selbst den Vogel gefunden habe und dieser an einer Stromleitung zu Tode gekommen sei. Außerdem handle es sich um den ersten Roßwager Storch. Letztendlich ist, wie so oft im Leben, an jeder Geschichte etwas Wahres dran. Bei der Aufklärung hilft Andrea Majer vom Vaihinger Stadtarchiv und der Enz-Bote.
In verschiedenen Ausgaben der Zeitung aus dem Jahr 1952 und 1953 finden sich Storchengeschichten. So hielt das Gerangel diverser Vögel um den Nistplatz auf dem Dach der Kirche im Jahr 1951 die Bevölkerung in Atem. In einem Bericht vom 16. Mai 1953 schließlich der entscheidende Hinweis: „Nachdem im Jahr 1912 ein Storch hier tödlich verunglückte – er befindet sich heute noch in ausgestopftem Zustande in der Schule – ließen sich 35 Jahre lang unsere gefiederten Freunde nicht mehr sehen.“ Danach hatten sich wohl immer wieder Paare auf dem Dach eingefunden, wobei am 18. April 1952 „das männliche Tier in die Hochspannungsdrähte“ flog und umkam. Danach, so scheint es, wurden in Roßwag keine Jungstörche mehr groß gezogen. „Die wachsende Technisierung“, schlussfolgerte der Enz-Bote, „wird wohl bald alle Störche vertreiben, so dass künftige Generationen Freund Adebar nur noch vom Hörensagen kennen werden“.
Ortrud Sickert: „Vor rund zehn Jahren wurden die Leitungen in Roßwag meines Wissens nach so isoliert, dass den Vögeln keine Gefahr mehr droht.“ Sickert setzt große Hoffnungen in den Einzelgänger am Enzufer. Immerhin gibt es in Mühlhausen seit einigen Jahren eine Nisthilfe, die Mitglieder des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland dort installiert haben. Aber auch die Sickerts könnten sich damit anfreunden, eine Nisthilfe auf dem Roßwager Heim zu haben. Am Herzen liegt der Tierfreundin nun vor allem, dass Erholungssuchende Rücksicht auf den schwarz-weiß Gefiederten nehmen.
Das Exemplar im Schulhaus dagegen ist zwar stress-, aber nicht schmutzresistent. Immerhin hat das Präparat fast hundert Jahre auf dem Buckel. Hausmeisterin Schmidt hat den Schulstorch vor einigen Jahren einem Präparator vorgestellt, der das Gefieder zwar ein wenig säubern konnte, aber das Exponat als „zu empfindlich für eine chemische Reinigung“ befand. „Wir wären froh, wenn sich ein Experte finden würde, der unseren Storch säubern könnte“, sagt Schulleiterin Alberts. Damit zumindest ein Storch den Roßwagern erhalten bleibt.
Die Artikel aus dem Enz-Boten können im Stadtarchiv eingesehen werden.
22/08 2008
Sanierte Kreuzung wieder Holperpiste
Vaihingen (elf) – Die Autofahrer wundern sich: Gerade Mal ein Vierteljahr ist es her, als die Sanierung der Kreuzung Stuttgarter Straße/Hans-Krieg-Straße in Vaihingen abgeschlossen wurde. Doch erneute Spurrillen lassen die Vermutung aufkommen, dass hier schlampig gearbeitet wurde. Das Landratsamt Ludwigsburg bestätigt: „Wir haben dem beauftragten Unternehmen die Abnahme verweigert“, sagt Walter Jetter, Leiter des Fachbereichs Straßen.

