Freitag, 18. Mai 2012

Die Kartoffel: sensibles Energiebündel


Was macht die Belana? Mit Fachberater Mitschke auf dem Acker. Foto: Rücker
Was macht die Belana? Mit Fachberater Mitschke auf dem Acker. Foto: Rücker

Vaihingen/Enzweihingen (sr) – Wer hätte gedacht, dass die robust scheinende Kartoffel in vielerlei Hinsicht eine richtige Mimose ist. Besonders bei der Lagerung muss der tollen Knolle ein Schnippchen geschlagen werden. Rund 65 Kilogramm der Erdäpfel verdrückt der Durchschnittsdeutsche pro Jahr, 31 Kilogramm davon als Frischware. Für einen unbeschwerten Kartoffelgenuss sollten jedoch einige Dinge berücksichtigt werden.

Dem Otto-Normal-Verbraucher schwirrt bisweilen der Kopf. Er sieht sich einer Flut von Informationen ausgesetzt – Zutatenlisten, Inhaltsstoffe, Nährwerttabellen tanzen vor dem Auge des Kaufwilligen. Preise vergleichen, Herkunft studieren, da geht einem schon mal der eine oder andere Hinweis durch die Lappen. Zum Beispiel der Hinweis „Nach der Ernte behandelt“ bei Kartoffeln.
Seit einigen Jahren schon ist eine Kennzeichnung der Ware vorgeschrieben, wenn diese mit einer chemischen Substanz am Keimen gehindert wird. Es liegt nun mal in der Natur der Kartoffel, zu keimen. Das ist sozusagen ihr Lebenszweck. Da der Konsument aber auch nach Weihnachten noch makellose Knollen kaufen möchte, muss den Erdäpfeln im Lagerhaus eine Zwangsruhe verordnet werden. Eine Möglichkeit hierzu ist bei konventionell erzeugter Ware die Behandlung mit dem Wirkstoff Chlorpropham. Wenn Speisekartoffeln mit Chlorpropham behandelt wurden, muss dies mit dem Zusatz „nach der Ernte behandelt“ gekennzeichnet werden. Die Substanz ist als Keimhemmer vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit für professionelle Anwender zugelassen. Chlorpropham gilt allerdings als gesundheitsschädlich. Auch der Hersteller warnt vor „Gefahr ernster Gesundheitsschäden bei längerer Exposition durch Verschlucken“. Das Mittel sei „giftig für Fische, Fischnährtiere und Algen“. In der Produktinformation heißt es aber weiter, dass ein tiefes Eindringen des Wirkstoffes „durch das nahezu undurchlässige Korkgewebe der Schale fast restlos verhindert“ wird.
In einem Bericht des Kantonalen Labors Zürich allerdings steht, dass der Wirkstoff auch ins Innere der Kartoffel dringt und dort nachzuweisen sei. „Chlorpropham findet man in der Kartoffel wieder“, räumt Mark Mitschke, Landwirtschaftlicher Fachberater Kartoffelanbau Heilbronn, ein. Bei untersuchten Stichproben tauche die Substanz zwar auf, aber „weit, weit, weit unter den erlaubten Höchstmengen. Ich sehe das nicht als Problem an“.
 Zumindest Verbraucher, die ihre Kartoffeln gerne mit Schale essen, sollten jedoch aufpassen. Kartoffeln seien reich an Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen, die zum großen Teil direkt in und unter der Schale vorkommen. Immer wieder werde deswegen empfohlen, die Kartoffeln nicht zu schälen, sondern sie direkt mit Schale zu essen, so die Landwirtschaftsverwaltung Baden-Württemberg. Und weiter: „Die Bundesanstalt für Kartoffelforschung rät jedoch davon ab, Kartoffeln mit der Schale zu essen.“ Zum einen, wenn die Kartoffelschale mit keimhemmenden Mitteln behandelt wurde. Zum anderen bildet das Nachtschattengewächs selbst mit der Substanz Solanin einen Giftstoff, der sich besonders an grünen Stellen und Keimanlagen anhäuft. „Wenn man die grünen Stellen großzügig wegschneidet, besteht beim Verzehr keine Gefahr“, urteilt Fachberater Mitschke. Wenn viel Solanin in der Knolle schlummert, dann werde der Geschmack bitter.
Rund 5000 der bundesweit 225000 Hektar Kartoffelacker befinden sich in Baden-Württemberg. Eine durchschnittliche Ernte steht den Kartoffelerzeugern im Ländle bevor, so Fachberater Mitschke. Seit dem Frühjahr wird die tolle Knolle geerntet und darf sich laut Mitschke bis zum Stichtag, den 11. August, Frühkartoffel nennen. Ab dann gilt das Gemüse per Definition als Spätkartoffel.
Bei den Erzeugern füllen sich die Lagerhallen mit dem sensiblen Nahrungsmittel. Gerd Kinzinger, Landwirtschaftsmeister aus Enzweihingen, weiß um die Schwierigkeiten mit der Knolle: „Die Kartoffel, die Frau und die Hefe – alle drei sind unberechenbar“, erklärt er schelmisch. In den letzten Jahren habe der Kartoffelanbau bei ihm auf dem Berghof zugenommen und nimmt jetzt 2,2 Hektar Fläche ein. Cilena, Belana, Christa, Annabelle und Krone heißen die Sorten, die der Familienbetrieb ausschließlich im eigenen Hofladen und verschiedenen Einzelhandelgeschäften in der näheren Umgebung vermarktet. Während die frühen Exemplare schon gegessen sind, gilt es nun, die späteren Sorten fachgerecht zu lagern. In der im Jahr 2004 gebauten Lagerhalle mit Platz für rund 60 Tonnen Kartoffeln stehen die Erdäpfel unter ständiger Beobachtung des Meisters, denn die Knolle „ist ein Lebewesen“. Damit die unruhigen Geister Ruhe geben, hat Kinzinger sich für eine wirkstoffunterstützte Keimberuhigung entschieden. „Der Verbraucher legt größten Wert auf eine makellose Kartoffel“, so der Berghof-Chef, „und ein Kühlaggregat war in der Anschaffung und im Betrieb zu teuer.“ Die frisch gerodeten Kartoffeln werden nun zunächst mit Hilfe der vollautomatischen Kühlung mit Außenluft gekühlt. Ein komplexes Reglersystem sorgt für ein behutsames Absinken der Temperatur auf die – für Kinzingers Sorten – optimalen fünf Grad Celsius.
Erst ab Mitte/Ende Oktober wird je nach Knollenzustand keimberuhigt. Dabei wird mit Hilfe einer Maschine das Heißnebelmittel Chlorpropham in die Halle eingesprüht. Vorher betont der Landwirt, berechne er genau, wie viele Kartoffeln sich im Lager befinden. Kinzinger kennt Sortenunterschiede- und Eigenschaften und berücksichtigt sie bei der Behandlung. Bei der Dosierung nehme er über die Hälfte weniger Wirksubstanz als den vom Hersteller empfohlenen Bedarf. Kartoffeln, die kurz darauf verkauft werden, nimmt Kinzinger vor einer Heißnebel-Aktion aus dem Lager. „Insgesamt“, sagt er, „behandeln wir vielleicht die Hälfte der Jahreserzeugung.“ Da das Mittel von den Behörden geprüft und genehmigt sei, gehe er davon aus, dass dessen Anwendung auch in Ordnung ist, so Kinzinger.
Tobias Hüeber, ebenfalls konventioneller Landwirt aus Enzweihingen, hat sich vor wenigen Jahren für eine Lagerhalle mit Kühlaggregat entschieden. Hier werden die Knollen ausschließlich durch die Temperatur, die nach dem Abtrocknen und der Wundheilung bei konstant fünf Grad Celsius liegt, in Schach gehalten. Der Kartoffelberater habe ihm damals gesagt, so Hüeber, „dass die Behandlung mit Keimhemmern deklariert werden muss“. „Nach der Ernte behandelt“ wollte der Landwirt nicht auf seine Ware schreiben müssen und verzichtet daher auf den Keimhemmer Chlorpropham. Das klappe gut, nur ganz gegen Ende der Lagerperiode würden die Erdäpfel dann doch unruhig. Im eigenen und einigen Hofläden der Umgebung und im Einzelhandel sind die Hüeber-Knollen zu haben.
Für Bio-Ware ist Chlorpropham tabu. Bis 2001 konnten Haus- und Kleingärtner selbst ihre Speisekartoffeln mit dem Wirkstoff einstäuben. Da dabei einzelne Knollen zu hohe Rückstände aufweisen konnten, darf der Keimhemmer inzwischen nur noch von professionellen Anwendern aufgetragen werden.


Seitenanfang