Peng. Der Startschuss für die 29. S-VKZ-Tour klingt in den vorderen Reihen der Radlermeute etwas dezent. Zu dezent für die Zeitungsfrau, die sich erst mal an den Fahrbahnrand kämpfen und den Helm überstülpen muss. Gar nicht einfach, sich danach wieder in den Tross der 845 Radler einzufädeln, die Punkt 10 Uhr am Gewerbegebiet „Perfekter Standort“ losradeln. Gleich auf den ersten Metern der Tour kommen zwei Teilnehmer zu Fall, knifflige Sekunden, denn das Feld schiebt nach. Aber es geht alles glimpflich aus.
36 Kilometer liegen vor uns , lange Ärmel schützen zunächst vor dem kühlen Fahrtwind, der Eselsberg liegt in den Wolken verborgen. „Eine Nebel-Tour“ hatte Uli Weik, einer der „Streckenväter“, am Morgen noch befürchtet. Doch die Sonne lässt die Veranstalter, die Vaihinger Kreiszeitung und die Kreissparkasse Ludwigsburg, und vor allem die Sportler nicht im Stich.
Zunächst bleibt es aber etwas fröstelig, daran ändert auch die sachte Steigung beim Abschied von Kleinglattbach nichts. Eine gute Gelegenheit, ein Bildchen zu schießen, bietet der Anstieg zur Sersheimer Waldhütte. Fotoapparat zücken und mal umdrehen: Schreck lass nach, hinten kommt gar keiner mehr. Doch es ist nur eine große Lücke in dem lang auseinandergezerrten Pulk der Drahtesel.
Beim Radfahren haben die Sinne im Überfluss zu tun: Holzduft steigt beim Ortseingang von Horrheim in die Nase. Die ganze Tour über können sich die Augen an einer saftig grünen Landschaft weiden. Auf der Strecke Richtung Gündelbach dann etwas Aufregung: Zwei Auricher Tourteilnehmer haben sich im Radlermeer verloren. „Wo ist meine Ruth“, ruft Paul Alber den nahenden Radlern zu. Keine Ahnung, aber wenige Hundert Meter weiter steht die Gattin und sucht ihren Paul. „Zwei Mal haben wir uns aus den Augen verloren“, schmunzelt sie später bei der Hocketse, „immer nur, weil er gedacht hatte, ich bin hinten, dabei war ich viel weiter vorne.“ Merke: Unterschätze nie deine Frau.
Die Fahrt ist derart kurzweilig und entspannt, dass einen das Auftauchen der Teestation bei der Firma Hubl in Gündelbach fast erschreckt. Das war bei der Berg-und-Tal-Veranstaltung im letzten Jahr anders, als jede Pause heiß ersehnt war. Fritz Hasenauer vom DRK Sersheim und seine Helfer warten mit 500 Liter Tee auf die Durstigen. Einen Tag vor Tour-Beginn wird das Aufgussgetränk zubereitet, damit noch genug Zeit zum Abkühlen bleibt. Nicht einfach für die Helfer, denn: Die Aktion muss mit Hilfe einer Feldküche im Freien stattfinden, da die dazu benötigten vier Gasflaschen nicht ins Gebäude dürfen. Rund sechs Stunden werkelten die DRK-Leute in Sersheim im strömenden Regen, damit die Erfrischung bei der Tour nicht fehlt. Danke! Nach dieser physischen Stärkung gab’s eine Überraschung.
Wenige Meter nach der Teestation: Gündelbacher aus der Reutwiesenstraße feuern die Fahrer mit einer La-Ola-Welle und Wengerträtschen an. „Seit zehn Uhr warten wir“, berichten sie vergnügt. Die ersten Radler seien schon vor 35 Minuten, also um 10.20 Uhr, vorbeigekommen. „Wir bleiben, bis der Besenwagen kommt“, sind sie sich einig. „Schließlich wollen wir ja sehen, wer da drinhockt“, schließt Waltraud Walz die Diskussion ab, um den nächsten zuzujubeln. Dann taucht das Feld der Zweiräder auf dem Weg zur Ensinger Getränkestation in die Tiefen der Wiesen, Wälder und Maisfelder ab. Irgendwo hinter Schützingen hat der fliegende Pannendienstler Walter Fischer (Zweirad-Fischer) seinen ersten ernsthaften Einsatz. Teilnehmer David Schmid aus Ensingen ist mit einem Platten liegen geblieben. Keine Herausforderung für Fischer: „Ich mach’ das ja schon 30 Jahre.“
Im lockeren Verbund erreicht die große Gruppe die Getränkestation der Ensinger Mineral-Heilquellen. Marketingchef Stefan Schurr tippt, dass es mehr Radler sind als im Vorjahr. Er soll recht behalten. Die Sportler „haben uns leergetrunken“, wird er später sagen: 50 bereitgestellte Kisten sind nun Leergut. Oberriexingens Bürgermeister Willi Baur labt sich an einem isotonischen Getränk und kommentiert: „Gut, dass Ensinger da ist, aber in Kombination mit Trollinger wäre das noch besser.“ Heiner Prinz aus Vaihingen hat vorgesorgt. Wie im letzten Jahr angekündigt, hat der mit 81 Jahren älteste Tour-Teilnehmer diesmal seinen Whisky dabei – gemischt mit einer Grapefruit-Limo. Prinz: „Des schmeckt oifach gut.“
Der fünf Jahre alte Jonas Gnauck nutzt die Pause für eine schnelles Vesper. Er darf Oma und Opa aus Bietigheim mit seinem neuen Sechs-Gang-Fahrrädle begleiten, das er eigentlich erst zum Geburtstag in zwei Wochen geschenkt bekommt. Der Bub hält durch und „wir überlegen, ob wir mit dem Fahrrad vollends heimfahren“, sagt Opa Kurt Kammerer später am Ziel. Alle Achtung, diese Sportlust könnte Gerd Esenwein, Leiter des Vaihinger Polizeireviers, nach den 36 Kilometern nicht mehr aufbringen. „Das hat mir jetzt gereicht“, gibt er zu, und: „es war sehr schön.“ Auch auf der Strecke durchs Lienzinger Tal gibt’s Lob. Heidi Burger aus Eberdingen, zum ersten Mal dabei, gefällt die Tour „sehr gut“, es sei alles „gut organisiert und man fühlt sich sicher“. Premiere feierte am Samstag auch eine besonderes Duo: Detlef Fischer von der Stadtverwaltung und Erich Hangstörfer, Stadtrat aus Gündelbach, befinden sich nach ihrer ersten S-VKZ-Tour im Fahrradfieber. Hangstörfer: „Wir sind ungedopt, höchstens ein bisschen Lemberger von gestern...“
Nach Lienzingen, dem hübschen Tal und der Durchfahrt von Illingen nähern sich die Radler schon wieder dem Zielort, ebenfalls dem „Perfekten Standort“. Umrahmt von grasenden Rindviechern rückt die Hocketse ins Sichtfeld und der Teilnehmer fragt sich nach dieser Tour vielleicht etwas traurig: Und wo fahren wir nach dem Vesper noch hin?Sabine Rücker
