Sersheim (rkü). Sie wohnen in Tipis, tragen selbst geschneiderte Kleidung aus Leder und stellen die unterschiedlichsten Charaktere aus dem Wilden Westen dar. Auf der Wiese am Sersheimer Ortsrand sind Indianer, Trapper und Cowboys friedlich vereint beim 32. Zeltlager und Vorderladerschießen.
Seit einigen Tagen ist die Wiese zwischen dem Sersheimer Schützenhaus und der Umgehungsstraße mit weißen Zelten gespickt. Viele davon sind in der Form der traditionellen Tipis aufgebaut und mit Matten, Decken und einer großen Zahl von Fellen wohnlich ausgestattet. In der gestrigen Mittagssonne sitzen die Zeltbewohner aber viel lieber vor ihrer Behausung und lassen sich die Sonne auf den Pelz scheinen.
Sogar Robert Supper und Siegfried Preporst nehmen sich ein wenig Zeit und plaudern ein Stündchen mit den Männern, die vor einem Zelt sitzen. „Seit mehr als drei Wochen sind wir jetzt jeden Tag 13, 14 Stunden hier gewesen“, erzählt Supper, genannt Graubart. Gut Ding will eben Weile haben. „Wir sind beide schon 70 und es ist ein knochenharter Job. Aber wir wollen, dass sich unsere Gäste wohlfühlen.“ Supper lobt den guten Draht zur Sersheimer Gemeindeverwaltung, die ihm Jahr für Jahr viele bürokratische Hürden aus dem Weg räumt und vielfältige Unterstützung gewährt. So wurde nach dem Bau der Umgehungsstraße zügig mit dem Aufschütten eines Erdwalls begonnen – jetzt ist sowohl im Zeltlager als auch im angrenzenden Wohngebiet von Sersheim kaum noch etwas vom Straßenlärm zu hören.
Die Besucher kommen in das Lager, um ein paar Tage Abstand vom Alltag zu gewinnen. Einer von ihnen trägt den Namen Mississippi, gerufen wird er auch schon mal „Missi“. Er erzählt, dass er die ersten paar Tage allein im Zelt wohnt, bevor zum Wochenende Frau und Sohn dazustoßen werden. „Warum fliegen viele Menschen so weit weg in Urlaub, was finden sie am ,Ballermann‘ auf Mallorca?“, fragt sich der Stammgast aus dem Raum Göppingen. Ebenso wie sein Zeltnachbar aus der Nähe von Worms freut er sich jedes Jahr auf das Sersheimer Zeltlager. „Gestern früh hat die Fahne am Zelt im Sturm gelitten. Aber wir sind keine Schönwetterzelter. Wichtig ist nur, dass es beim Auf- und Abbauen möglichst nicht regnet.“
In den Tagen dazwischen (die meisten Teilnehmer sind gut eine Woche lang vor Ort), gibt es vielfältige Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Auf dem Programm stehen unter anderem Damenrodeo und Lagerschießen mit Vorderladern. Das Bürgermeisterschießen fällt dieses Mal wegen zu geringer Beteiligung aus. Am Wochenende spielen zahlreiche Bands. Bei der großen Country-Music-Party am Samstag (1. Mai) von 19.30 Uhr an stehen die „Silverados“ und weitere auf der Bühne.
Das Lagerleben ist – zumindest für die Berufstätigen – völlig gegensätzlich zum Alltag. „Es spielt keine Rolle, wann man schlafen geht“, unterstreicht Supper. „Wenn abends im Saloon einer ans Klavier geht und einer mit dem Banjo dazu kommt und später noch einer mit der Gitarre, dann wird es leicht vier, fünf Uhr. Bei uns ist es immer sehr gesellig.“ Im Saloon gibt es aber nicht nur das Klavier. Hinter den Fassaden ist eine sehr gut ausgestattete Küche installiert. „Die ist so professionell wie möglich, damit sich unsere Frauen nicht beklagen müssen“, sagt Supper mit einem Augenzwinkern. Immer wieder werde an Details gefeilt und die Ausstattung optimiert. Was die Gäste zu sehen bekommen, Tische, Theke und Stühle, wirkt stilecht. Wie viel Arbeit die Helfer des veranstaltenden Schützenvereins dort hineingesteckt haben, lässt sich nur vage erahnen. Die sanitären Anlagen sind größtenteils ebenfalls Marke Eigenbau. Angesichts des großen Andrangs werden sie fleißig genutzt. Einer der Bewohner verlässt das stille Örtchen mit einem Stoßseufzer, der weithin zu hören ist: „Ach Herr, was ist dir nur eingefallen, uns Männer als Durchlauferhitzer zu missbrauchen!“
