Donnerstag, 17. Mai 2012

Wildblumen gesucht




Breunig (Mitte) und Exkursionsteilnehmer suchen die Mauer ab. Foto: Rücker
Breunig (Mitte) und Exkursionsteilnehmer suchen die Mauer ab. Foto: Rücker

Vaihingen (sr) – Der Schutz der Natur funktioniert selten aus dem hohlen Bauch heraus, sondern basiert auf solidem Wissen. Ein Trupp Datensammler traf sich am Freitag am Vaihinger Marktplatz zur Auftaktveranstaltung der floristischen Kartierung 2010. Ziel ist es, die Wildpflanzen im Ländle zu erfassen.
Die rund 20 Pflanzenfreunde, die sich am Freitagnachmittag vor dem Vaihinger Rathaus treffen, ziehen einige Blicke auf sich. Denn ab und an beugt sich die Gruppe tief zum Marktplatzpflaster, um auch das kleinste Pflänzchen in den Ritzen zu entdecken.
Die Teilnehmer der Auftaktveranstaltung zur floristischen Kartierung Baden-Württemberg 2010 suchen bei dieser Exkursion Wildpflanzen im Vaihinger Stadtgebiet. Pflanzenarten werden dabei bestimmt und die Ergebnisse landen später in einer Datenbank. Die Botanische Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland (BAS) und das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart wollen anhand dieser Kartierungen diversen Fragen nachgehen. Welche Wildpflanzen kommen aktuell im Ländle vor, welche haben sich neu hinzugesellt, welche sind möglicherweise ausgestorben? Und in welchen Lebensräumen sind welche Arten zu finden? Pflanzen geben vieles über ihre Umwelt preis, auch wenn sie nicht reden können. Eine Änderung der Lebensbedingungen verändert unter Umständen die Zusammensetzung der Pflanzengemeinschaft. Insofern sind die Ergebnisse von Kartierungen bei Wissenschaftlern willkommen.
Über 150 ehrenamtliche Kartierer sind seit dem Jahr 2008, in dem diese Neu-Erhebung der Pflanzenwelt in Angriff genommen wurde, in Baden-Württemberg zugange. Die große Liebe zum Pflänzchen und das immense Wissen um die heimische Flora sind dabei greifbar.
Thomas Breunig von der BAS führt seine Gruppe vom Vaihinger Marktplatz in Richtung Schloss. Und zwar im Schneckentempo. Kartierer müssen sich bremsen können. Denn in jeder Ritze zwischen Pflastersteinen am Boden, in der Mauer oder im Lichtschacht könnte sich noch ein Pflänzchen verstecken. Und so schleicht das Grüppchen zum Schloss empor. Immer wieder werden Pflanzennamen laut genannt, mal auf Deutsch, mal die wissenschaftliche Bezeichnung. Viel Müll trübt in der Verlängerung der Burggasse die Aussicht auf die zarten Frühlingsblättchen. Doch Diplom-Geograf Breunig lässt sich nicht beirren. Ein Blatt, ein Blick und schon sprudelt ein botanischer Name aus dem Experten heraus. Selbst durch das Gitter eines Kellerlichtschachtes hindurch wird ein Kandidat für die Liste entdeckt. Es ist der Wurmfarn, der anschließend nirgends mehr gesehen wird.
Auf der rund zweistündigen Begehung werden 120 Pflanzenarten erfasst. Eine zweite Gruppe, die mit Dr. Arno Wörz (Naturkundemuseum Stuttgart) in Richtung alter Bahnhof läuft, kann später am Treffpunkt mit 133 notierten Pflanzenarten auftrumpfen. Als Besonderheit nennt Wörz nicht exotische anmutende Blumen, sondern die Kleine Brennessel, wissenschaftlich Urtica urens.
Die Kartierer sind an diesem Tag sogar vom fernen Stühlingen im Südschwarzwald an der Schweizer Grenze angereist, um zu „Botanisieren“, wie die Experten sagen. Wieso gerade Vaihingen ausgewählt wurde, kann Biologe Wörz beantworten: „Das ist reiner Zufall, es handelt sich um einen noch nicht kartierten Quadranten.“ Als Quadrant wird ein Viertel eines so genannten Messtischblattes bezeichnet. Zwischen den Jahren 1970 und 1998 hatte in Baden-Württemberg schon einmal eine Kartierung stattgefunden.
Im dem Quadrant mit dem klangvollen Namen 7019/4, in dem die jetzige Kartierexkursion stattfand, sind damals 618 Pflanzenarten gefunden worden. Noch zahlreiche Exkursionen seien nötig, um eine ähnliche Erfassunsintensität zu erreichen, betont Thomas Breunig. Enzufer, Feldflur, größere Waldgebiete und weitere Biotope gilt es noch zu erkunden. Erst dann könne verglichen werden, welche Arten zugenommen haben, welche verschwunden oder neu eingewandert sind. „Wie etwa die Indische Scheinerdbeere, deren Ausbreitung wir gerade verfolgen“, sagt Thomas Breunig. Diese sei der heimischen Walderdbeere zwar ähnlich, die Früchte schmecken aber fade.
Es werden engagierte Kartierer gesucht, die sich auch in der Umgebung von Vaihingen an dem Projekt beteiligen. Diese sollten mit Bestimmungsliteratur umgehen können und auch vor den wissenschaftlichen Namen der Pflanzen nicht zurückschrecken.
Kontakt: Thomas Breunig, Telefon 0721/9379386 und Dr. Arno Wörz, Telefon 0711/8936212.

Ergebnisse der Auftaktexkursion, von Thomas Breunig: Floristische Kartierung Baden-Württemberg

Auftaktexkursion am 9. April 2010 in Vaihingen/Enz, TK 7019/4

Exkursionsroute vom Rathaus durch die Schloßstraße zur Burggasse zum Weinberg unterhalb des Schlosses und in den Schlossinnenhof.

Erfasst wurden bei der etwa zweistündigen Begehung 120 Arten. Gleich am Rathaus wurden als erste Arten das Niederliegende Mastkraut (Sagina procumbens) und das Einjährige Rispengras (Poa annua) entdeckt. Beide Arten sind weit verbreitet und wachsen auch noch in den Pflasterfugen der Innenstädte. An einem verborgenen Platz  -- nämlich auf dem Grund eines Kellerlichtschachtes -- wuchs der Wurmfarn (Dryopteris filix-mas), den wir sonst auf der Exkursionsroute nirgends mehr fanden. Artenreich war der Wuchs an alten Mauern. In den Mauerfugen wuchsen die Farne Mauerraute (Asplenium ruta-muraria) und Braunstieliger Streifenfarn (A. trichomanes), verwilderte Gartenpflanzen wie Goldlack(Cheiranthus cheiri), Gelber Lerchensporn (Pseudofumaria lutea) und Blaukissen (Aubrieta deltoides) sowie das hübsche wärmeliebende Zymbelkraut (Cymbalaria murlis) und zwei Mauerpfeffer-Arten (Sedum album, S. rupestre).

Der Weinberg unterhalb des Schlosses beherbergte einige typische Weinbergswildkräuter, zum Beispiel Übersehene Traubenhyzinthe (Muscari neglectum) und Rundblättrigen Storchschnabel (Geranium rotundifolium). In modernen, flurbereinigten Weinbergslagen findet man solche Arten kaum noch.

Artenreich an Wildpflanzen waren die Grünanlagen des Schlosses. Als erstes fielen zahlreiche verwilderte Exemplare des Götterbaums (Ailanthus altissima) auf, die sich in Fugen der Schlossmauer angesiedelt hatten. Diese aus China stammende Art verwildert inzwischen an vielen Orten in Baden-Württemberg und hat selbst die Autobahnmittelstreifen schon als Wuchsort erobert. Noch wesentlich ausbreitungsfreudiger ist der Japanische Staudenknöterich (Reynoutria japonica), der sich ebenfalls am Fuß der Schlossmauer angesiedelt hat.

In den Rasenflächen des Schloss-Innenhofes wuchsen auf der Südseite eher Trockenheit ertragende Arten wie das Stängelumfassende Hellerkraut (Thlaspi perfoliatum), der Mittlere Wegerich (Plantago media) und der Knollige Hahnenfuß (Ranunculus bulbosus), auf der Nordseite dagegen eher Feuchtigkeit liebende Arten wie der Gold-Hahnenfuß und der Scharfe Hahnenfuß (R. auricomus, R. acris).

Eine Vielzahl von Wildkräutern säumten die zum Schloss führenden Wege: Gänse-Malve (Malva neglecta), Stolzer Heinrich (Echium vulgare), Rote Zaunrübe (Bryonia dioica), Schwarznessel (Ballota nigra) und natürlich auch die Wegwarte (Cichorium intybus).

Selbst Waldarten fehlten nicht. In den Gehölzbeständen um das Schloss fanden wir Wald-Segge (Carex sylvatica), Hecken-Kälberkropf, Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus) und einige blühende Exemplare des Buschwindröschens (Anemone nemorosa).

Mit den 120 festgestellten Arten ist ein kleiner Grundstock gelegt für die Neuerfassung der Wildflora im Bereich von Vaihingen/Enz. Beim ersten Durchgang dieser Kartierung zwischen 1970 und 1998 wurden für das etwa 35 km² große Kartierraster 7019/4, in dem unsere Exkursionsroute liegt 618 Arten nachgewiesen. Um eine vergleichbare Erfassungsintensität zu erreichen sind noch zahlreiche Exkursionen nötig, zu anderen Jahreszeiten und in andere Biotope, zum Beispiel an das Enzufer, in größere Waldgebiete und in die Feldfluren der Umgebung. Erst dann wird man vergleichen können: Welche Arten haben zugenommen, welche sind verschwunden oder zwischenzeitlich neu eingewandert? Wie etwa die Indische Scheinerdbeere (Duchesnea indica), eine der heimischen Wald-Erdbeere ähnlichen Art mit etwas größeren aber nur fade schmeckenden Früchten, deren Ausbreitung wir gerade verfolgen.




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