Vaihingen (sf). An die Gefangenen und Verstorbenen erinnern, das ist traditionell Anliegen der Gedenkfeiern auf dem KZ-Friedhof Vaihingen. Gestern Nachmittag schloss das Gedenken allerdings auch die Menschen ein, die von den Nazis als poltische Gefangene ab 1933 auf Schloss Kaltenstein inhaftiert waren.
Ein kaum bekanntes Mahnmal bildete dort auch den Abschluss der gestrigen Gedenkfeier. Das Arbeitshaus Vaihingen ist zwischen 1933 und 1945 auf Schloss Kaltenstein „auch ein Ort der Repression für politische Gefangene aus über zehn Nationen geworden“, erinnerte Albrecht Wittmann im Rahmen seiner Einführungsworte der vom Bläserkreis Vaihingen musikalisch umrahmten Gedenkveranstaltung.
Das Konzentrationslager sei 1944 dann als „schreckliche Steigerung der Unterdrückung und Vernichtung für politische und andere Häftlinge“ hinzugekommen, so Wittmann, der in diesem Jahr Arlette Cahen als Gast der Gedenkfeier begrüßen konnte: Sie ist extra mit ihrer Familie aus der Schweiz angereist. Ihr Onkel ist als Häftling im Vaihinger KZ verstorben. In Erinnerung an seine Person stiftete die Familie eine Gedenktafel, die am heutigen Montag montiert werden soll.
Das Arbeitshaus auf Schloss Kaltenstein selbst ist bei den meisten heutzutage in Vergessenheit geraten. Grund genug für die Mitglieder des Vereins KZ Gedenkstätte Vaihingen, sich auch dem Schicksal dieser Menschen zu widmen. Verschiedene Sprecher zitierten Texte aus unterschiedlichen Quellen – unter anderem ein Interview mit dem KPD-Gemeinderat Willi Bohn, der zwischen 1943 und 1945 zu den Häftlingen zählte. Als eine „Anstalt zur Sicherungsverwahrung von kriminellen Elementen“, zitierte Bernd Freckmann, Vorstandssprecher des Vereins KZ Gedenkstätte Vaihingen, Bohn, habe das Arbeitshaus gegolten. Seit 1842 gab es dieses übrigens bereits als Institution in Vaihingen. Untergebracht waren dort zunächst nur Männer: Bettler, Landstreicher und Arbeitsscheue, die auf die Dauer von bis zu zwei Jahren eingewiesen würden. Bis zu 150 Menschen fanden auf dem Schloss Platz. Damals gehörten, so die Sprecher des Vereins, auch einige landwirtschaftliche Betriebe, wie eine Gärtnerei, eine Hühnerzucht und die Güter „Die Sägemühle“ und „Oberer Hof“ dazu.
492 Neuzugänge sind alleine in der Zeit der Nazi-Herrschaft verzeichnet – offiziell deklariert als Schutzhaft: die Rede war von der „polizeilichen Verwahrung einer Person zum Schutze der Allgemeinheit“. Die Zustände im Schloss müssen schlimm gewesen sein. Erhalten geblieben ist ein Bericht vom damaligen Dekan Gerhard Pfänder, der als Anstalts-Arzt anfangs noch Zutritt hatte: Er berichtete, dass die Sträflinge und Insassen „völlig ungenügende Kost“ erhalten hätten. Bei Krankheit wurde ihnen die Pflege verwehrt. Folterungen und Schläge bei kleinsten Verfehlungen gehörten dazu. Der Dekan spricht von sieben Toten in einer Woche, die er beerdigen musste. „Später wurde ich als Geistlicher überhaupt nicht mehr gerufen.“ Die Toten – teilweise zu dritt in einen Sarg gepresst – warf man hinter die Schlossmauer. Der Stadt-Friedhof war für diese Toten versperrt.
Etwa 200 Häftlinge, so Dr. Manfred Scheck zum Abschluss der Feier an einer den meisten unbekannten Gedenkstätte auf Schloss Kaltenstein, sind hier oben gestorben. Mindestens 127 wurden in Massengräbern beerdigt. Von 27 Opfern sind die Namen bekannt: Sie sind in den Gedenkstein zu Füßen des mächtigen Steinkreuzes eingraviert. Das Mahnmal ist auf Anregung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes errichtet worden. Dass heutzutage kaum einer noch von dessen Existenz weiß, liegt auch daran, dass es nur sehr schwer zu finden ist. Hinweisschilder gibt es keine. Viele Besucher der Gedenkfeier suchten auch am Sonntag erst den Weg dorthin. Das soll sich zukünftig aber ändern: Scheck forderte eine Umgestaltung des Platzes und eine Neuordnung des Zugangs. Ein Durchgang wäre theoretisch schon vorhanden: über einen ehemaligen Torbogen, der heute zugemauert ist. Oberbürgermeister Gerd Maisch sicherte die Unterstützung der Stadt bei diesem Anliegen zu. Verantwortlich dafür ist allerdings das Land als „Hausherr“ von Schloss Kaltenstein.
