Beratungsstellen haben Hochkonjunktur
Vaihingen (rkü). In Zeiten von Wirtschaftskrise, Kurzarbeit und schlecht bezahlten Arbeitsplätzen kommt der Arbeit der Diakonischen Bezirksstelle Vaihingen eine besonders große Bedeutung zu. Ungewöhnlich viele Menschen haben Hilfe gesucht – teils unter dramatischen Rahmenbedingungen.
„Oft hieß es, existenzielle Abstürze zu vermeiden, anstatt Armut zu überwinden“, umschreibt Michael Marek die Situation. Der Geschäftsführer der Diakonischen Bezirksstelle legte jetzt seinen Jahresbericht vor. „Nachhaltige Beratungsmethoden mussten vielfach dringend notwendigen Kriseninterventionen weichen“, bedauert Marek. Er spricht von einer „ethisch betrachtet besonderen Herausforderung“ im vergangenen Jahr. Denn oft habe man Hilfesuchenden zwar gerne helfen wollen, diese jedoch aufgrund fehlender Beratungskapazitäten abweisen müssen.
Marek findet in seinem Bericht kritische Worte: „Die sozialpolitischen Rahmenbedingungen haben sich in einer stark zu hinterfragenden Art und Weise verschärft. Zunehmend werden arme Menschen, Arbeitslose und Randgruppen als nicht unterstützenswerter Belastungsfaktor definiert.“ Kürzungsdebatten im Bereich von Hartz IV seien „populär wie nie“. Die Gefahr bestehe, dass Familien zerbrechen und Menschen in chronische psychische Erkrankungen abgleiten. „Gleichzeitig werden auf der anderen Seite die Verursacher der größten Finanzkrise der Menschheit bereits wieder mit Bonuszahlungen gratifiziert, mit welchen mancher Arbeitslose mehrere hundert Jahre leben könne.“ Dieses Unverhältnis werde von den Betroffenen sehr sensibel wahrgenommen, unterstreicht Marek. Unter diesen Rahmenbedingungen habe auch das Handeln der Diakonischen Bezirksstelle eine neue sozialpolitische Dimension bekommen.
Die Vaihinger Tafel, die über den Tafelladen an der Heilbronner Straße rund 1500 Menschen mit Lebensmitteln versorgt, ist eines der Projekte mit der größten Außenwirkung. Dutzende freiwillige Helfer leisteten an den 99 Öffnungstagen im Jahr 2009 insgesamt 6026 Stunden ehrenamtliche Arbeit. Jeweils mehrere Helfer auf einmal mussten vor Ort sein, wenn der Tafelladen für all jene geöffnet war, die von der Diakonischen Bezirksstelle eine Kundenkarte erhalten hatten. Voraussetzung für diese Einkaufsberechtigung ist der Nachweis, dass eine wirtschaftliche Notlage besteht. Um den Tafelladen zweimal wöchentlich öffnen zu können, sind aufwendige Vorarbeiten zu leisten: Lebensmittel müssen bei Anbietern abgeholt, im Laden auf ihre Qualität geprüft und bei Bedarf aussortiert, mit Preisen ausgezeichnet und in die Regale verteilt werden. Seit dem Jahr 2006 gibt es diese Einrichtung mit 88 Quadratmetern Verkaufsfläche.
Die Schuldnerberatung wurde bereits im Jahr 2001 eingerichtet. „Die Anmeldung erfolgt direkt bei den Schuldnerberaterinnen und nicht über ein Sekretariat“, unterstreichen Heike Krieg und Andrea Magenau, die als Schuldnerberaterinnen tätig sind. „Das hat den Vorteil, dass erste Anleitungen zur Selbsthilfe sofort gegeben werden können. Es bedeutet aber auch einen intensiveren personellen Einsatz der Fachkräfte.“ Innerhalb von zwei bis vier Wochen soll nach dem Ausfüllen eines Fragebogens ein Erstgespräch erfolgen, das in der Regel eineinhalb Stunden dauert. Die Existenzsicherung steht dabei im Vordergrund. Darunter fallen eine umfassende Haushaltsberatung, Vollstreckungsschutz, der Erhalt des vorhandenen Girokontos und der Energieversorgung, die Erschließung von Sozialleistungen, Hilfen zum Erhalt von Wohnung und Arbeit und psychosoziale Beratung. „Ein Grundsatz in unserer Arbeit ist, dass der Ratsuchende Herr des Verfahrens bleibt“, betonen die Schuldnerberaterinnen. Voraussetzung sei allerdings, dass der Betroffene selbst mitzieht. Anfang des Jahres 2009 waren 18 Schuldner in der laufenden Beratung. Davon wurden 17 Fälle abgeschlossen. Allerdings kamen im Laufe des vergangenen Jahres 24 Schuldner neu hinzu, so dass zum Jahreswechsel 25 Fälle in Bearbeitung waren.
Im Bereich der Sozial- und Lebensberatung bestand ein hoher Bedarf. 708 Beratungen für 279 Klienten, dazu noch zahlreiche Kurzberatungen, Auskünfte und Weitervermittlungen – und doch lag die Zahl der Anfragen noch um rund ein Drittel höher. „Gestiegen ist auch die Zahl der suizidgefährdeten Hilfesuchenden“, berichtet Marek. „Häufig handelt es sich hierbei um Personen, die mit dem sozialen Abstieg nicht zurecht kommen und für sich keine persönliche Perspektive mehr sehen.“ In diesen Fällen sei schnelle Hilfe angesagt – eine zusätzliche Belastung für die Mitarbeiter der Diakonie.
Info
Aufgabenfelder der Diakonischen Bezirksstelle Vaihingen
Unter dem Dach der Diakonischen Bezirksstelle Vaihingen gibt es zahlreiche Beratungsstellen. Schwerpunkte der Sozial- und Lebensberatung liegen in der Existenzsicherung von Personen, die in Not geraten sind, sowie der Begleitung dieser Personen in Konflikt- und Krisensituationen. Die Schuldnerberatung wird teils von der Diakonischen Bezirksstelle, teils vom Kreisdiakonieverband getragen – an sich ist Schuldnerberatung aber eine Aufgabe des Landkreises. Bei der Diakonie sind obendrein zahlreiche ehrenamtliche Helfer im Bereich der Schuldnerberatung tätig. Weiter gibt es eine Ehe-, Familien- und Lebensberatung, eine Trauergruppe, die Suchtberatung und einen Fahrdienst zum Kontaktstüble für Menschen mit seelischen Problemen. Hier kommt insbesondere der Zivildienstleistende zum Einsatz. Die Diakonische Bezirksstelle unterstützt auch das Projekt Vaihinger Tafel.
