Hohenhaslach (ub). Nach viereinhalb Wochen war das Abenteuer Freiheit beendet. Am Dienstagabend wurde die vierjährige Luchsdame, die Anfang März vom Wildparadies Tripsdrill ausgebüxt ist, eingefangen. Dieter Fischer, der Geschäftsführer des 47 Hektar großen Wildparks, konnte das Tier erfolgreich bei Hohenhaslach anfüttern.
Das hauptsächlich dämmerungsaktive Tier war immer wieder in und um Hohenhaslach gesichtet worden. Genau dort gelang es am Dienstag um 19.30 Uhr Wildparadies-Chef Dieter Fischer, das Tier mit Fleischstückchen bei Laune zu halten, bis der zuständige Tierarzt eintraf und die Ausreißerin narkotisierte.
Für Unruhe hat das nach Bär und Wolf größte Raubtier, das in Europa heimisch ist, im Kirbachtal nicht gesorgt. „Das ist gar nicht zu uns vorgedrungen“, sagt der Hohenhaslacher Ortsvorsteher Alfred Xander. Am Montag sei er bei einem Seniorentreffen gewesen und auch hier sei der entflohene Luchs kein Thema gewesen.
„Das Luchsweibchen ist in einer guten körperlichen Verfassung“, freut sich Fischer. „Das ist nach dieser Zeit in freier Wildbahn keine Selbstverständlichkeit. Schließlich ist sie ja an die Vollpension bei uns im Wildpark gewöhnt.“ Zurück in sein altes Gehege im Wildparadies bei Cleebronn kommt das Tier nun nicht mehr. Experten, wie Dr. Wolfram Rietschel von der Wilhelma Stuttgart, raten davon ab. Denn hat der Luchs einmal einen Weg aus dem Gehege gefunden, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass er es wieder probiert. Fischer: „Auch wenn Luchse für den Menschen nicht gefährlich sind, bin ich sehr froh, dass unsere Ausreißerin ihren Ausflug nun beendet hat.“ Gestern wurde das Tier in den Wildpark nach Pforzheim gebracht.
Dort lebt bereits der Luchs, der Ende August 2009 ebenfalls aus dem Gehege im Wildparadies entkommen ist – ein zweijähriges Weibchen. Das Gelände, auf dem die Tripsdrill-Luchse leben (jetzt nur noch ein Tier), ist von einem drei Meter hohen Maschendrahtzaun umgeben, der zusätzlich mit Elektrodrähten gesichert ist. Die Bäume innerhalb des Geländes sind mit Manschetten ummantelt, so dass die Tiere nicht einfach über den Zaun springen können. „Nach dem Vorfall vom letzten Jahr haben wir nachgerüstet“, sagt Tripsdrill-Pressesprecherin Karolina Manitz.
Doch das vierjährige Luchsweibchen nutzte den starken Schneefall Anfang März. Die weiße Pracht legte den Strom am Gehegezaun lahm und das Tier drückte sich unten durch. Ein Sicherheitsproblem weist Wildparadies-Chef Fischer von sich: „Nein, das gebe es nicht.“
Die ausgebüxte Raubkatze wurde schon kurze Zeit nach dem Verschwinden im drei Kilometer Luftlinie entfernten Hohenhaslach entdeckt. Zuerst gab es im Schnee noch eindeutige Spuren. Die Trittspuren, die der Luchs hinterlässt, sind mit einer Breite von fünf bis sieben Zentimeter für die Vorderpranke und vier bis sechs Zentimeter für die Hinterpranke etwa dreimal größer als die einer Hauskatze. Die Schrittlänge liegt zwischen 40 und 100 Zentimetern und kann bei sprintenden Luchsen bis zu 150 Zentimeter betragen. Anders als bei Fuchs und Hund fehlen Luchsfährten Krallenabdrücke, da die Krallen während des Laufens in die Hauttaschen zurückgezogen werden.
Vor wenigen Tagen wäre das Tier in den Weinbergen von Hohenhaslach fast erwischt worden. Der Tierarzt hatte sich schon mit dem Blasrohr positioniert, als sich die Luchsdame listig in eine ungünstige Lage drehte. Wenig später wurde es dunkel und die Jäger hatten keine Chance mehr. Dieter Fischer hatte sich Tage zuvor schon bis auf wenige Meter an den Ausbrecher herangepirscht, doch mit toten Tauben konnte der Luchs mit Freiheitsdrang nicht gefangen werden. Dabei seien die Tiere für das Leben in der Wildnis nicht geeignet: Im Wildparadies bekommen sie ihr Futter vorgesetzt, das Jagen haben sie nie gelernt.
Eine Gefahr für die Bevölkerung habe durch die ausgebüxte Luchsdame nicht bestanden. „Die scheuen Tiere halten Abstand zu den Menschen und halten sich in der Regel in den Wäldern auf“, sagt Tripsdrill-Sprecherin Karolina Manitz. Schließlich würden die Tiere auch in Deutschland bewusst ausgewildert. Mittlerweile gibt es in Deutschland neben der Population im Bayrischen Wald wieder Luchse in der Sächsischen Schweiz, im Pfälzerwald und im Fichtelgebirge. Im Nationalpark Harz läuft ein Auswilderungsprojekt, in dessen Rahmen seit dem Jahr 2000 insgesamt 24 Luchse ausgewildert wurden. Einzelne wahrscheinlich aus der Schweiz eingewanderte Luchse wurden auch schon wieder im Schwarzwald gesichtet.
Kuscheltiere sind die Raubkatzen aber bestimmt nicht. Das wird schon beim Blick auf die PR-Artikel aus dem Wildparadies deutlich. Ein Zitat: „In den 90er Jahren hielten Raubkatzen Einzug ins Wildparadies – die Luchse. Erkennungsmerkmale der katzenartigen Vierbeiner sind vor allem die Ohrbüschel, die langen Beine, der kurze Schwanz und der Backenbart. Der Luchs ist für seinen Überraschungsangriff bekannt: Anschleichen, anspringen und gezielt zubeißen.“
