Nussdorf (ub) – Wolfgang Bossert lehnt sich zufrieden zurück. Wirtschaftskrise? Derzeit kein Thema. Im Gegenteil: Bossert (60), Inhaber von Merbeth&Bossert print media, hat sein Personal aufgestockt. In den nächsten sechs Wochen wird in dem Betrieb in der Mühlstraße in Nussdorf rund um die Uhr gearbeitet.
Mit der Kommunalwahl am 7. Juni geht für Bossert, selbst seit 20 Jahren Gemeinderat in Eberdingen, ein regelrechter „Auftragsboom“ ein. Für 330 Städte, Gemeinden und Kreise in Baden-Württemberg liefert das Unternehmen die Stimmzettel und übernimmt auch den Versand. Vor einem Jahr reiste Bossert mit seinem neuen Produkt „Wahl plus“ durch die Lande und stellte das Konzept den Kommunen vor. „Das war fast vergnügungssteuerpflichtig“, schmunzelt der Firmenchef. Die erfolgreiche Akquise: Ludwigsburg, Schwäbisch Hall, Konstanz, Lörrach, Singen und Bad Säckingen gehören beispielsweise zu den
Kunden, dazu kommen noch zahlreiche Kreise. Ein Drittel der 1109 Kommunen im Land stehen mittlerweile in den Auftragsbüchern des Nussdorfer Betriebs. Referenzen der Stadt Biberach, des Alb-Donau-Kreises, der Stadt Esslingen und der Stadt Neckarsulm öffnen die Türe der Wahlämter. Dazu kommt noch das Engagement Bosserts als Gemeinderat: „Dieser Stallgeruch kommt natürlich auch gut.“
1994 bekam Merbeth&Bossert den Fuß in die Tür des Wahlgeschäfts. Von der Stadt Ulm kam der erste große Druckauftrag. Bossert erfand dazu die patentrechtlich geschützte Prüflochung. Bei den gelochten Stimmzettelblocks ist ein Vertauschen der einzelnen Blätter ausgeschlossen. „Es gab immer wieder Mängel bei den Stimmzetteln, so dass Wahlen wiederholt werden mussten“, weiß Bossert. In Baden-Baden wurde 1999 die Wahl annulliert, weil es aufgrund fehlender Leerzeilen bei den Wahlvorschlägen zu Formfehlern kam. Mit der Prüflochung bot der Mittelständler nun entsprechendes Know-how mit höheren Sicherheitsmaßnahmen an.
„Doch das Konzept hat geradezu nach weiterer Optimierung gerufen“, überlegte sich der Nussdorfer Firmenchef. Im Vorfeld der Kommunalwahl am 7. Juni hat sich deshalb der Marktführer bei der Herstellung von Stimmzettelblocks mit Prüflochung Merbeth&Bossert mit dem Marktführer und europaweit führenden Hersteller von Briefumschlägen, BlessOF GmbH in Kirchheim/Teck, und der Deutschen Post AG zusammengeschlossen, um eine Gesamtlösung mit Personalisierung und Kuvertierung der Wahlunterlagen anzubieten. Ab Druckreiferklärung im Webportal haben die Wahlleiter nichts mehr mit den Unterlagen zu tun – die Maschinerie in Nussdorf läuft an.
30 Millionen Stimmzettel werden in den nächsten Wochen in Nussdorf produziert. Zehn Prozent an Kosten sollen die Kommunen bei der „prozess- und medienübergreifenden Gesamtlösung“ sparen, die die Bestellung, die Produktion und die Postauslieferung der Wahlunterlagen beinhaltet. Allein 3,4 Millionen Euro ließen sich nach den Berechnungen Bosserts landesweit durch die maschinelle Kuvertierung mit einem Logistikcode einsparen. Auch die Zahl der Wahlhelfer könne landesweit um 20000 gedrückt werden.
„Mit unserem Produkt werden wir uns um einen entsprechenden Preis des Landes bemühen“, sagt Wolfgang Bossert. Die patentrechtlich geschützte Prüflochung wurde bereits 2000 mit dem Diamond Award ausgezeichnet und das Tochterunternehmen „Papergate“ als Erfinder des weltweit ersten datenspeicherfähigen Papiers „I-Paper“ gewann im Jahr 2004 den Innovationspreis der deutschen Druckindustrie.
Bei der Kommunalwahl im Juni hat der Betrieb in der Mühlstraße keine weiteren Kapazitäten für andere Bundesländer. „Wir wollen unsere Idee aber weiter ausrollen“, verspricht Bossert. Aktuell kommen jetzt aber Tausende von PDF’s auf den Server von Merbeth&Bossert. Parallel dazu läuft der Rollenoffsetdruck an: An fünf Maschinen werden die Stimmzettel produziert, 75 bis 80 Kilometer pro Stunde.
Im Jahr des 60-jährigen Bestehens (die Firmengründer Hans Merbeth und Rudolf Bossert hatten in der Nachkriegszeit die Deutsche Bahn als Hauptkunden) gibt es nach der Wahl einen besonderen Service für die Gemeinden: Da die Wahlzettel ausschließlich auf Recyclingpapier gedruckt werden, wird ein Attest erstellt. Die Rechnung von Bossert: Die 330 Gemeinden, die den Service der Nussdorfer in Anspruch genommen haben, haben 90 Tonnen Kohlendioxid eingespart. „Das erhöht weiter unsere gute Marktakzeptanz.“
