Vaihingen (elf) – Berichte von jugendlichen Häftlingen standen im Vordergrund der Gedenkfeier zu Ehren der Opfer des Konzentrationslagers „Wiesengrund“, die gestern Nachmittag auf dem Vaihinger KZ-Friedhof stattfand.
„Das Gedenken hat auch im 64. Jahr nach Kriegsende seine Berechtigung“, sagte Susanne Röder-Wittl, Vorstandsmitglied des Vereins KZ-Gedenkstätte Vaihingen, bevor Vereinsmitglied Albrecht Wittmann in das Thema der diesjährigen Feier einführte. „Mindestens 121 Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren waren in der Zeit zwischen August 1944 und April 1945 hier im KZ inhaftiert“, so Wittmann. Aus der vom Verein zusammengestellten Häftlingsliste seien ihre Namen, ihre Herkunft und weitere Lebensdaten bekannt. Demnach sind 40 Jugendliche in Vaihingen – im KZ oder darauf im Krankenhaus – gestorben. „Diese jugendlichen Häftlinge wurden gezwungen, für die Kriegsproduktion der deutschen Reichsregierung unter brutalen Lebensbedingungen zu arbeiten“, sagte Wittmann. Die meisten dieser jungen Menschen – insgesamt 92 – stammten aus Polen; 52 von ihnen waren jüdischen Glaubens.
Mitglieder des Vereins KZ-Gedenkstätte lasen Berichte von Jugendlichen vor, die das KZ Wiesengrund als Häftlinge durchleben mussten oder die Erlebnisse von außen beobachteten. So der deutsche Häftling Hans Großpeter, der sechs Jahre lang in verschiedenen Konzentrationslagern eingesperrt war und in Vaihingen zunächst als Küchenschreiber eingesetzt wurde. Großpeter berichtete – vorgelesen von Laura Hartmann – vom jungen Häftling Joshua: „Er war einer der Jüngsten im Lager, 14 oder 15 Jahre alt, schmächtig, ein helles Bürschchen. Er hatte schwarze Augen und einen gelben Stern auf der Jacke. Joshua wurde bei mir Küchen-Hilfsschreiber und Küchenläufer. Er hielt auch meine Kleider in Ordnung, putzte meine Schuhe und hungrig war er auch nur die ersten Tage. Ich gab Joshua das neue Kochgeschirr, drückte ihm den neuen Wochenspeisezettel für die SS-Küche in die Hand mit dem Hinweis, er solle diesen Zettel in meinem Namen abgeben und dann einfach das Kochgeschirr hinhalten mit der Bemerkung, das wäre für den Küchenschreiber. Und ich sagte Joshua, er solle sich ja in strammer Haltung für das Essen bedanken. Er kam viel schneller zurück, als ich erwartet hatte. Unter den Augen einen blauen Flecken, die Nase blutete und in der Hand hielt er außer dem unterzeichneten Küchenzettel das völlig zertretene Kochgeschirr. Unter Schluchzen richtete er mir aus, was der SS-Küchenchef mir bestellen ließ: Ich sei wohl verrückt geworden, ihm einen dreckigen Juden in seine Küche zu schicken.“
Insgesamt 31 Jugendliche sind auf dem Vaihinger Ehrenfriedhof bestattet. Zu ihrem Gedenken wurden 31 Zettel mit ihren Namen und Lebensdaten auf den Boden gelegt und für jeden eine Kerze angezündet. Die Besucher der Gedenkfeier legten mitgebrachte Blumen an den Lichtern nieder.
Als Zeitzeuge berichtete der ehemalige Rundfunksprecher Dr. Horst Lehner von seinen Erinnerungen an die eigene Jugendzeit im Dritten Reich. Durch die Machtübernahme der Nazis sei die Republik „in allen Bereichen umgekrempelt und eingeebnet“ worden. Jugendliche seien dem Regime nicht nur in der Hitlerjugend, sondern im gesamten gesellschaftlichen Leben ausgeliefert gewesen. „In der Clique und im stillen Kämmerlein haben wir uns darüber amüsiert, in der Schule und in der Öffentlichkeit war das nicht ratsam“, berichtete Lehner und erzählte von der Abiturprüfung im Fach Deutsch, die von einem Bombenalarm unterbrochen wurde. „Danach durften wir wieder weiterschreiben“, erinnerte sich Lehner. Einige seiner Klassenkameraden konnten nicht mitschreiben – sie waren an der Ostfront gefallen. Leonie Lenz und Laura Hartmann von der Jugendgruppe „Histories“ legten mit Bernd Freckmann, Vorstandssprecher des Vereins KZ-Gedenkstätte am großen Gedenkstein am Eingang des Friedhofs ein Blumengebinde nieder.
