Donnerstag, 17. Mai 2012

Der Wilde Westen in Sersheim




Trapper Neidig in Sersheim. Foto: Bögel
Trapper Neidig in Sersheim. Foto: Bögel

Sersheim (ub) – Georg Neidig wechselt für das Foto schnell seine zivilen Klamotten. Aus dem Meister in einem Chemiebetrieb in Heidelberg wird ein freier Trapper – mit Hirschlederhose, Hut mit Feder, am Hals das Pulvermaß. Im Gürtel steckt das Messer. „Das hat man immer am Mann“, sagt Neidig, „und wenn ich es nur zum Brotschneiden benütze“.
Oberhalb des Sersheimer Schützenhauses ist wieder ein Westernlager entstanden. Weiße Zelte verkünden vom Treffen der Hobbyisten, die die Tradition des Wilden Westens nachleben. Höhepunkt ist vom 1. bis 3. Mai das 31. internationale Vorderladerschießen des Schützenvereins Sersheim, zu dem wieder Tausende von Besuchern erwartet werden. Im Mittelpunkt des Interesses stehen aber die 300 bis 400 Wildwestler im wenige Meter entfernten Lager. „Ohne das Westernlager hätte das Vorderladerschießen nicht diese Attraktivität“, weiß Robert Supper, der seit drei Jahrzehnten das Treffen organisiert.
Während dieser Zeit ist Supper nur der „Graubart“. „Bis vor zehn Jahren war der Bart aber noch schwarz“, lacht der 68-Jährige. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, er ist der Chef der Hobbyisten. Und in diesem Jahr gibt es eine besondere Order: Die Trapper dürfen nicht mit Revolvern oder Gewehren herumlaufen. Supper: „Der Schießsport ist nach dem Amoklauf von Winnenden unberechtigterweise in den Verruf gekommen.“ Aber man wolle nicht noch zusätzliches Öl ins Feuer gießen und ein Zeichen setzen.
Bereits am Karfreitag sind die ersten Hobbyisten in Sersheim eingetroffen. „Viel zu früh“, wie „Graubart“ Supper klagt. Aber viele nutzen die Osterferien, um mit der Familie ungestört ihren Freizeitspaß frönen zu können. Man sitzt vor den Zelten zusammen, kocht, erzählt sich Geschichten, tauscht Informationen aus, bringt seine Ausrüstung auf Vordermann.
„Es gibt immer etwas zu tun“, erzählt Georg Neidig, der freie Trapper aus Heidelberg, den alle nur Schorsch rufen. Drei Wochen lang verbringt er seinen Urlaub in dem Sersheimer Camp. „Langweilig wird es dabei nie“, sagt Neidig. „Wir haben unsere Freude am Zusammensein.“
Und was ist der Grund für das Trapperleben? „Der Traum vom freien Leben führt uns hierher“, so der Heidelberger. Erinnerungen an die Trapperzeit von 1825 bis 1837 werden lebendig, die Zeit der Biberjagden, die Zeit des Pelzhandels. Authentisch wollen die Hobbyisten sein, deshalb läuft Neidig in einer Hirschlederhose herum, die auch die Trapper vor 180 Jahren getragen haben. „Heute haben wir viel zu viel Sachen dabei“, weiß Neidig. „Die Trapper damals hatten nur das, was am Mann getragen wurde. Und das hat genügt.“
Während Neidig erzählt, kommen die nächsten Hobbyisten und bauen ihre Zelte auf. „Jeder hat halt gern seinen angestammten Platz. Daher rührt auch der Drang zur frühen Aufstellerei“, sagt Supper, der auf dem Sprung zum Arbeitseinsatz vor dem Saloon ist. An den offiziellen drei Tagen des historischen Zeltlagers dürfen ab 21 Uhr nur die Hobbyisten mit der entsprechenden Kluft in den Saloon. „Wir wollen da niemand in zivilen Klamotten haben, dafür sorgt auch ein Sicherheitsdienst.“ Damit verhindert der Schützenverein, dass Jugendliche sich in der Westernkneipe voll laufen lassen.
Zehn Euro für die Müllentsorgung und Wasser müssen die Wildwestler für ihre Zeit in Sersheim bezahlen. „Wir brauchen ja die Leute und wollen sie nicht abzocken“, so die Devise von „Graubart“.
Deshalb kommen die Süd- und Nordstaatler, die Trapper und Indianer immer wieder gerne nach Sersheim. Trapper „Schorsch“ ist seit 30 Jahren regelmäßiger Gast beim Schützenhaus. Nach dem Kaffeeklatsch mit dem VKZ-Reporter geht die Arbeit los: Pfeile schnitzen.




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