Nussdorf (aa) – Es ist eine fremde Welt, die ihre eigenen Regeln hat. Wer kann auf Anhieb schon etwas über eine Schleppjagd erzählen? Was bedeuten die Signale der Bläser? Warum sind die Herrschaften so festlich angezogen? Wie finden die Hunde die Spur durch Wiesen, Wälder, Felder?
Treffpunkt Reiterzentrum Nussdorf. Raimund Wöhr fungiert als Jagdherr und hat eingeladen. Schon zum vierten Mal veranstaltet er eine Schleppjagd. Der Metzgermeister ist ein begeisterter Reiter und züchtet Araber. „Es ist zu warm heute“, stöhnt er und verfügt schon mal Marscherleichterung für die Gäste. Es darf im Hemd geritten werden. Aber die Krawatte sollte schon sein, rügt er einen jungen Reiter. Der hat keine. „Dann aber den Knopf am Hemd schließen.“ Es soll auf Stil geachtet werden. Auch wenn die Sonne wie im Hochsommer vom Himmel brennt.
Die Reiter versammeln sich auf dem staubigen Dressurplatz. Stelldichein nennt sich das. „Es ist echt viele da“, freut sich Katrin Rapp vom Reiterzentrum, deren Mann Imanuel später mit Andrea Wiehn die Schleppe legen wird. Schleppe legen? Die Hunde der Hardt-Meute des Badischen Schleppjagdvereins müssen wissen, wohin es geht.
Hunde mit sehr
gutem Geruchssinn
Rapp und Wiehn legen also eine Fährte, der die französischen Hirschhunde (Grand Anglo Francais) folgen. Master of Hounds ist Gerd Klapschus, der die Meute schon seit 1981 unter seinen Fittichen hat. Der Master und die Piköre, die ihn unterstützen, haben die Aufgabe, die Hunde zu führen, zusammenzuhalten und auf die richtige Fährte zu bringen. Die Tiere der Hardt-Meute haben einen sehr guten Geruchssinn und brauchen keine künstlichen Duftstoffe, um einer Schleppe folgen zu können. Für sie reicht die Hufspur. Wöhr, der selbst Mitglied beim Verein der Hardt-Meute ist und dort oft als Pikör fungiert, ist begeistert von den Tieren. Doch noch sind die Hunde eingesperrt in ihrem Spezialtransporter. Die fünf Jagdhornbläser aus Albtal bei Pforzheim stimmen die Hubertus-Fanfare an. Bei den Schleppjagden gibt es für alle möglichen Vorkommnisse Signale. „Aufbruch zur Jagd“, „Wild in Sicht“, „Verkehrsweg kreuzt“, „Wasser für die Hunde“, „Notruf“... Mit Hilfe der Klänge hat man sich einst verständigt.
Jeder reite auf eigene Verantwortung, wird bei der Begrüßung ausdrücklich betont. Sieben Schleppen sollen gelegt werden; je nach Lage bzw. Erschöpfungszustand könne auch verkürzt werden. 19 Kilometer haben die Reiter und die Meute rund um Nussdorf vor sich. Unterwegs ist ein Dutzend Hindernisse aufgebaut, zwischen 80 und 100 Zentimeter hoch. Ein dreifach kräftiges Horrido! Die Jagd kann beginnen.
Im Schritt geht es die ersten zwei Kilometer Richtung Häckselplatz. Zuschauer reisen auf zwei Schlepperanhängern mit. Ein Rettungswagen des Roten Kreuzes ist natürlich auch dabei. Man weiß ja nie. Karl-Friedrich Rapp karrt die Meute an den ersten Treffpunkt. Sein Vater legt die Schleppe. Gute Jagd! Die Hunde rasen zielgenau über die Wiese hinterher.
In Deutschland sind Treibjagden auf lebendes Wild seit 1934 verboten. Eine Schleppjagd wird als Alternative gesehen, um die Tradition der Reitjagden hinter Hunden fortzusetzen. Der Schleppenleger simuliert das zu verfolgende Wild. Dabei werden die Galoppstrecken (die Schleppen) und Schrittstrecken den Bodenverhältnissen angepasst. Auf Schrittpassagen wird keine Strecke gelegt.
Natürlich werden die Hunde am Ende der Jagd belohnt. Für sie gibt es die Innereien des aufgebrochenen Wildes (Curée), in der Regel Rinderpansen. Und die Reiter erhalten den „Bruch“ aus Tannenlaub. Im Herbst ist es ein Eichenzweig. Wieder ein dreifaches Horrido. Die Antwort lautet Joho.
Alle sind gut angekommen. Nur am letzten Hindernis ist noch ein Reiter unfreiwillig abgestiegen. „Aber es ist alles gut gegangen“, freut sich Wöhr. Ob der nochmals eine Jagd veranstalten wird, weiß er direkt nach dem von den Teilnehmern aus ganz Süddeutschland gelobten Fest noch nicht so recht, denn der Jagdherr muss zum einen das Treiben finanzieren und handelt sich zum anderen unter Umständen auch noch den Ärger der Grundstückbesitzer ein. Wöhr: „Ich hoffe nur, dass nichts hintendrein kommt.“
