Schlösser für mehr Sicherheit an Schulen
Vaihingen (rkü) – Der Amoklauf von Winnenden und Wendlingen wird bei den Schulen und Schulträgern immer noch heftig diskutiert. Es geht darum, welche Lehren aus der schlimmen Tat gezogen werden müssen und wie man sich künftig in einem ähnlich gelagerten Fall schützen könnte. In Frage kommen beispielsweise Durchsagen mittels Sprechanlage oder schnell verschließbare Türen an den Schulen.
Die Polizeidirektion Pforzheim und die Stadt Mühlacker haben schon Schritte eingeleitet, die Schüler an den dortigen Schulen besser vor der Bedrohung durch mögliche Amokläufe zu schützen. Auch in Vaihingen und im Kreis Ludwigsburg ist das Thema präsent. „Es ist ziemlich weit oben angesiedelt auf der Agenda“, sagt Joachim Geier, Sprecher der Polizeidirektion Ludwigsburg. Die Erkenntnisse aus dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen sollen aufgearbeitet werden. Die Polizei wolle mit allen Beteiligten gemeinsam ausloten, welche Verbesserungen möglich und nötig seien. Mehr wollte Geier gestern noch nicht verraten, jedoch gebe es schon konkrete Pläne.
Dass es eine absolute Sicherheit an Schulen nicht geben könne, hatte der geschäftsführende Schulleiter der Vaihinger Schulen, Paul Rodach aus Kleinglattbach, bereits am Tag des Amoklaufs unterstrichen. Auch mit etwas Abstand stellte er gestern klar, dass es unrealistisch sei, Schulen völlig abzusperren. „Ich käme mir dann selbst eingesperrt vor.“ Allerdings erscheine es ihm als wichtiger Ansatzpunkt, die Möglichkeit des Abschließens jederzeit zu haben. So seien an der Ottmar-Mergenthaler-Realschule in Kleinglattbach alle Lehrkräfte gehalten, den Schlüssel stets dabeizuhaben. Doch Rodach gesteht ein, dass er früher selbst den Schlüssel des öfteren im Rektorat habe liegen lassen. Erst seit dem jüngsten Amoklauf achte er konsequent darauf, nur noch mit Schlüssel unterwegs zu sein. Rodach hält es für hilfreich, an den Türen eine Verriegelungsmöglichkeit anzubringen, um im Notfall blitzschnell handeln zu können – falls ein Kollege den Schlüssel doch nicht dabei habe oder in der Hektik das Schlüsselloch nicht finde.
Eine Regel, ob bei einem möglichen Angriff auf die Schule das Einschließen der Schüler die richtige Lösung ist, lässt sich ohnehin nicht aufstellen. Rodach gibt zu bedenken, dass es bei einem Täter mit Schusswaffen sehr wohl helfen könne, sich hinter geschlossenen Türen zu verbarrikadieren. Gebe es jedoch eine Bedrohung durch eine Bombe oder Chemikalien („ich will es mir gar nicht vorstellen“), dann sei unter Umständen das zügige Räumen des Schulgebäudes angebracht.
Seitens der Stadt Vaihingen erklärt Martina Fischer, dass bauliche Sicherheitseinrichtungen derzeit noch nicht vorhanden seien. Allerdings solle mit den Schulleitern geklärt werden, welche Maßnahmen sie für sinnvoll und umsetzbar halten. Hierzu seien bereits die ersten Gespräche geführt worden.
Waldemar Mann, Abteilungsleiter Hochbau in der Vaihinger Stadtverwaltung, strebt individuelle Lösungen an, die den Bedürfnissen der jeweiligen Schule gerecht werden. „An weiterführenden Schulen ist das Rektorat in der Regel besetzt, aber in kleinen Grundschulen sind die Schulleiter selbst stundenlang beim Unterricht in den Klassenräumen“, erläutert er einen der Aspekte, die es unmöglich machen, alle Schulen über einen Kamm zu scheren. Wie wird der Schulleiter über eine Bedrohungslage informiert, wenn er gerade selbst unterrichtet? Wer übernimmt die Durchsagen, wenn niemand im Rektorat ist, der eine telefonische Warnung entgegennehmen könnte?
Doch es habe nicht nur Nachteile, wenn eine Schule kleiner sei. So favorisiere Rektorin Irmgard Kießling von der Auricher Grundschule eine Klingel mit Sprechanlage, sodass während der Unterrichtszeiten keine ungebetenen Gäste einfach so ins Schulhaus gelangen könnten. Das wiederum sei an großen Schulen mit vielen Eingängen nicht praktikabel. Insbesondere der ständige Wechsel von Klassen zwischen Schul- und Sportgebäuden erschwere dies.
Als kürzlich die Meldung vom Amoklauf kam, habe Schulleiterin Heide Bolter an der Ensinger Grundschule schnell reagiert, berichtet Mann: „Sie hat damals die Eingangstür verriegelt.“ Auch in Oberriexingen hatte Ingrid Jäger-Gutjahr dafür gesorgt, dass die Eingänge verschlossen wurden.
Voreilige Lösungsversuche mit nur bedingt praxistauglichen Ergebnissen will die Stadtverwaltung in Vaihingen vermeiden. Darum solle zwar zügig, aber doch besonnen überlegt werden, welche Maßnahmen am besten geeignet wären. „Es bringt nichts, wenn wir irgendwelche Systeme einbauen, die später nicht angewendet werden“, sagt Mann. Darum werde der Sachverhalt gemeinsam mit Experten diskutiert. Auch die Polizei soll dabei zu Wort kommen.
Paul Rodach sagt zum Thema Gäste an der Schule: „Wir haben eine offene Gesellschaft, auch die Schulen sollen offen sein. Und wir haben oft Besuch von Ehemaligen – die sind bisher immer in friedlicher Absicht zu uns gekommen.“ An der Schule in Kleinglattbach gebe es eine moderne Sprechanlage, mit der man gezielt einzelne Klassenzimmer, aber auch den gesamten Komplex auf einmal ansprechen könne. Im Notfall hält es der Schulleiter für sinnvoller, Klartext zu reden als eine Warnung in einem Code-Satz zu verstecken. Diese könnte in der Hektik unter Umständen falsch verstanden werden, was fatale Folgen haben könnte. „Nach den Ereignissen in Winnenden haben wir wertvolle Tipps bekommen“, sagt Rodach.
Waldemar Mann sagt, dass er über dieses Thema schon vor dem Amoklauf mit 16 Toten in Winnenden und Wendlingen mit Hans-Joachim Sinnl gesprochen habe, dem Leiter des Friedrich-Abel-Gymnasiums. Im FAG werde eine neue Sprechanlage benötigt, die auch in solchen Bedrohungslagen gute Dienste leisten könnte.
