Supermarkt hat bis Mitternacht geöffnet
Vaihingen – Einkaufen bis Mitternacht. Das war bisher nur in Großstädten möglich. Seit Montag geht das auch in Vaihingen: Die Supermarktkette Rewe hat im Rahmen eines Modellversuchs die Öffnungszeiten ihrer Filiale an der Hans-Krieg-Straße auf 24 Uhr ausgeweitet.
Der Supermarktriese Rewe betreibt in fünf seiner baden-württembergischen Filialen Feldforschung. In Vaihingen, Kornwestheim, Heidelberg, Mannheim und Schwetzingen wird seit Montag untersucht, ob bei der Kundschaft Bedarf besteht, bis Mitternacht einkaufen zu gehen. Deshalb sind die Märkte vorerst bis Ende September täglich bis 24 Uhr geöffnet.
Rewe wolle mit dem Modellversuch seine gute Stellung im Wettbewerb unterstreichen, sagt Unternehmenssprecherin Sabine Stachorski. Einige Kunden hat das Projekt bereits am ersten Tag überzeugt: „Eine sehr gute Idee“, sagt Rentner Hans Hoffmann aus Roßwag, als er am Montag kurz nach 23 Uhr seine Einkäufe im Kofferraum verstaute. Von einer „entspannten Atmosphäre“ spricht Nadine Kaczmarek aus Vaihingen. Und die 21-jährige Lena Breiner aus Maulbronn ist von den Öffnungszeiten so überzeugt, dass sie sich sicher ist, „Stammgast am Abend“ zu werden.
Den Testlauf begründet der Supermarktkonzern damit, dass sich der Lebensrhythmus der Menschen verändert habe. „Viele Arbeitnehmer haben immer später Feierabend“, sagt Sabine Stachorski. Und auch denen wolle man die Möglichkeit bieten, noch einkaufen zu gehen. Um ein verlässliches Ergebnis aus dem Feldversuch ziehen zu können, hat das Unternehmen bewusst darauf verzichtet, die Verlängerung der Öffnungszeiten zum Beispiel in der Stuttgarter Innenstadt zu testen. „Die allgemein höhere Nachfrage dort hätte das Ergebnis verfälscht“, erläutert Stachorski.
Davon, dass der Testlauf erfolgreich zu Ende gehen wird, ist man in der Rewe-Chefetage überzeugt. Bernhard Franke von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ist anderer Meinung. Er berichtet, dass vor einiger Zeit bereits die Handelskette Kaufland in Ravensburg den gleichen Versuch gestartet habe. „Dort hat man die verlängerten Öffnungszeiten bis Mitternacht aus Gründen der Rentabilität jedoch nicht lange durchgehalten“, sagt er.
Die Gewerkschaft ist außerdem der Meinung, dass die langen Öffnungszeiten unnötig sind und das dadurch lediglich „eine höhere Belastung für die Mitarbeiter der Supermärkte“ entstehe. „Nachtarbeit ist schlecht für die Gesundheit und für das familiäre Umfeld des Personals“, gibt Franke zu bedenken. Bevor er über Gegenmaßnahmen zum Testlauf nachdenkt, wolle er jedoch erst Kontakt zum Rewe-Betriebsrat in Wiesloch aufnehmen.
Der Verlängerung der Öffnungszeiten von 20 auf 22 Uhr hatten Gewerkschaften und Betriebsräte erst vor zwei Jahren den Kampf angesagt. Allerdings haben die Supermarktketten in dieser Sache den längeren Atem gehabt. Und auch die Kunden sprachen ein klares Votum aus. „Bis 22 Uhr geöffnet zu haben ist rentabel“, sagen Rewe-Sprecherin und Gewerkschaftsvertreter unisono.
Sabine Stachorski betont indes, dass es für den Modellversuch eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat gebe. „Den Mitarbeitern wurde es freigestellt, sich an dem Projekt zu beteiligen.“ Man sei schließlich auf die Zusammenarbeit angewiesen. Und auch Sicherheitsbedenken möchte die Sprecherin nicht gelten lassen: „Ab 22 Uhr werden unsere Mitarbeiter in den Testmärkten von ausgebildeten Sicherheitskräften beschützt.“
Ob das Einkaufen in Vaihingen bis Mitternacht zur Dauereinrichtung wird, wird der Supermarktkonzern in sechs Monaten nach der Testphase entscheiden. Für Rentner Hans Hoffmann steht aber schon jetzt fest: „Ich finde das gut und würde sogar noch später einkaufen gehen.“
Philipp-Marc Schmid
01/04 2009
KOMMENTAR: Zweifelhaft
Als in Baden-Württemberg vor knapp zwei Jahren das Ladenschlussgesetz gelockert wurde, ging ein Aufschrei durchs Land. Die kritischen Stimmen sind mittlerweile verstummt. Auch weil der Einzelhandel sich darauf beschränkt hat, die Geschäfte bis 22 Uhr offen zu lassen und nicht rund um die Uhr die Pforten zu öffnen. Kunden und Personal haben sich an den späten Ladenschluss gewöhnt und finden ihn in Ordnung. Das Geschäft nach Acht ist sogar rentabel geworden.
Doch mit dem Vorstoß des Supermarktriesens Rewe, seine Filialen bis 24 Uhr geöffnet zu lassen, droht der Bogen überspannt zu werden. Die Leidtragenden in dieser Sache sind die Supermarktmitarbeiter. Vom Unternehmen wird zwar betont, dass das Personal in der Testphase freiwillig mitziehe. Doch welcher Arbeitnehmer würde sich in der heutigen Krisenzeit schon gegen seinen Arbeitgeber stemmen und damit sein Gehalt aufs Spiel setzen? Das würde an Fahrlässigkeit grenzen.
Und: Es darf bezweifelt werden, dass die zwei zusätzlichen Stunden für Rewe rentabel sein können. Von mehr Kunden und mehr Verkäufen ist die Rede. Eine gefährliche Annahme. Genauso gut könnten sich die Kundenströme noch mehr verlagern. Und dann wird nicht mehr, sondern einfach nur zu noch verschiedeneren Zeiten eingekauft. Ein Plus wird dabei kaum erwirtschaftet. Die bisherigen Öffnungszeiten reichen aus.
Philipp-Marc Schmid
