Riet (ub) – Nach drei Stunden zog die Rieter Ortsvorsteherin Roswitha Haid ein Fazit: „Es besteht noch jede Menge Gesprächsbedarf.“ Am Dienstagabend gab es in der Strudelbachtalhalle Informationen zum Hochwasserschutz. Nach wie vor umstritten ist dabei das Rückhaltebecken R3.1 beim Sportplatz.
„Wir wollen einen Hochwasserschutz, aber nicht in diesen Dimensionen“, sagte beispielsweise die Ortsvorsteherin. „Hochwasserschutz ist kein Wunschkonzert“, konterte Vaihingens Bürgermeister Wilfried Nestle. Bei einer Bürgerversammlung am Dienstagabend hatten neben den Behördenvertretern, den Planern und einem Sprecher der Bürgerinitiative für angemessenen Hochwasserschutz im Strudelbachtal auch die Bürger das Wort; gestern Abend legte der Vaihinger Gemeinderat in seiner Sitzung die Reihenfolge der Hochwasserschutzmaßnahmen fest. „Damit wird aber keine Aussage getroffen, wie die Maßnahmen optisch umgesetzt werden“, versprach Oberbürgermeister Gerd Maisch den rund 200 Interessierten in der Strudelbachtalhalle.
Anlass für die Hochwasserschutzmaßnahmen im Strudelbachtal – insgesamt sieht das Konzept des Pforzheimer Ingenieurbüros Hutarew 14 Maßnahmen mit Gesamtkosten von mindestens zehn Millionen Euro vor – waren die Unwetter im Mai und Juni 1994. Haid: „Es kann natürlich nicht sein, dass bei einem Starkregen die Leute bangen müssen, dass Wasser in ihre Firma dringt.“ Dabei pocht der Ortschaftsrat beim Hochwasserschutz aber auf eine „moderate Lösung“. Haid bei der Bürgerversammlung: „Wir halten den Hochwasserschutz in Riet für überzogen und die zehn Millionen Euro an Investitionen nicht für gerechtfertigt.“ Das geplante Hochwasserschutzkonzept sei wirtschaftlich sinnlos und es gebe noch viele Ungereimtheiten, die einen Gesprächsbedarf hätten. So weiche beispielsweise die Hochwassergefahrenkarte des Landes, die jetzt im Rohentwurf vorliegt, bei den Überschwemmungsflächen in der Ortslage von Riet von den Daten der Flussgebietsuntersuchung ab.
Gerhard Köbele, Sprecher der Bürgerinitiative für einen angemessen Hochwasserschutz, sprach von einer Lawine, die der Zweckverband Hochwasserschutz losgetreten habe und nun nicht mehr bremsen könne. Die Bürgerinitiative setzt dabei auf einen Stufenplan: „Man soll nicht alles auf einmal verwirklichen, sondern die Auswirkung der einzelnen Maßnahmen erst beobachten.“ Köbele schlug einen Schutzdamm linksseitig des Bachs beim Unternehmen Berthold und Schmid vor, einen Bypass bei der Robert-Bosch-Brücke, der Verzicht des Rückhaltebeckens R3.1 beim Sportplatz, aber Bau des Beckens R3 weiter in Richtung Eberdingen. Die Gefahr für den Unterlieger Enzweihingen komme nicht vom Strudelbach, sondern vom Kreuzbach, der ungebremst nach Enzweihingen fließe.
Das Becken R3 – zusammen mit R3.1 haben diese beiden Becken die größte Einzugsfläche im Strudelbachtal und einen Staurauminhalt von 80000 Kubikmeter – könnte nach Ansicht des Ortschaftsrates noch gebaut werden, allerdings hat das Veto für R3.1 nach wie vor Bestand. Haid: „Innerörtliche Schutzmaßnahmen sind natürlich kein Streitthema.“
Vaihingens Oberbürgermeister Gerd Maisch verteidigte bei der Bürgerversammlung in Riet die geplanten Hochwasserschutzmaßnahmen: „Wir gehen damit in die Zukunft.“ Die Frage sei nun, so Bürgermeister Wilfried Nestle, wie hoch der Grad des Hochwasserschutzes sein müsse. „Eines ist aber klar, der Zweckverband gibt nicht Geld aus, um Landeszuschüsse zu bekommen. Das wäre kontraproduktiv.“ Das Regierungspräsidium Stuttgart hat bereits 2004 den Fördersatz der Hochwasserschutzmaßnahmen im Strudelbachtal (dem Zweckverband gehören die Gemeinden Eberdingen und Weissach, der Landkreis Böblingen sowie die Städte Ditzingen und Vaihingen an) auf 70 Prozent festgelegt. Bei dem vorgelegten Hochwasserschutzkonzept handle es sich um ingenieurwissenschaftliche Standards. Nestle: „Wir wollen natürlich die angestammte Landschaft bewahren, müssen aber auch unserer Verantwortung gerecht werden.“ Die Stadt habe Hochwasserschutzverpflichtungen. „Wir dürfen nicht dem nachgeben, was wir gerne hätten, sondern dem, was wir machen müssen.“
Und das Hutarew-Konzept ist baukastenartig aufgebaut und sieht „kleine“ Rückhaltebecken oberhalb der Ortschaften vor. Planer Dr. Andreas Hutarew: „Am 6. Mai beginnen in Eberdingen bereits die Verhandlungen mit den Grundstückseigentümern.“ Hutarew machte bei der Bürgerversammlung deutlich, dass die Öffentlichkeitsarbeit verstärkt werden müsse.
Das Pro und Kontra zum Hochwasserschutz, in dem 937 Einwohner zählenden Stadtteil, der im Jahr 2012 das 1200-jährige Bestehen feiert, wurde am Dienstagabend deutlich. Während einige Bürger die Maßnahmen begrüßten („Die volle Wucht des Klimawandels trifft uns erst noch. Der Ortschaftsrat sollte für alle da sein“), warnten andere vor den Folgen („Riet darf kein zweites Ensingen werden, wo es bereits ein überdimensioniertes Gewerbegebiet gibt“). Wie in Eberdingen auch, drohe die größte Gefahr nicht aus dem Strudelbach, sondern von den Hängen. Beklagt wurde die Verschandelung des Tals mit einer Hochwasserschutzmauer. Eine Bürgerin: „Ich bin jetzt 85 und habe bisher nur ein Hochwasser in Riet erlebt.“
