Falsche Ernährung führt oft zu Diabetes mellitus
10/04 2008
Falsche Ernährung führt oft zu Diabetes mellitus
Vaihingen – Diabetes hat sich in den vergangenen Jahren zur Volkskrankheit entwickelt. Viele wissen nicht, dass sie an der Zuckerkrankheit leiden. Die Dunkelziffer ist hoch. Die Menschen, die von ihrem Leiden wissen, organisieren sich häufig in Selbsthilfegruppen – in Vaihingen seit zehn Jahren.
Diabetes mellitus ist eine heimtückische Krankheit. Sie hat viele Facetten, deshalb unterscheidet man mehrere Varianten. Der Körper von Personen, die an der chronischen Stoffwechselerkrankung leiden, kann das lebensnotwendige Insulin nicht in ausreichender Menge herstellen. Oder die Körperzellen sprechen nur ungenügend auf das zur Verfügung stehende Insulin an.
Am häufigsten kommt der Typ 2 der Krankheit vor. Vielen Menschen würde es nicht einmal im Traum einfallen, mit dem Gedanken zu spielen, dass sie an der Stoffwechselkrankheit leiden könnten: Die Erkrankung verläuft schleichend und anfangs meist völlig beschwerdefrei. Bei diesem Typ der Diabetes stellt die Bauchspeicheldrüse zunächst noch ausreichend Insulin her. Die Körperzellen aber reagieren nicht mehr optimal auf das Hormon.
„Der Typ-2-Diabetes wird oft verharmlosend als Altersdiabetes bezeichnet“, sagt Egon Kulba von der Vaihinger Diabetiker-Gruppe, bei dem die Erkrankung vor mehr als 15 Jahren diagnostiziert wurde. In den vergangenen Jahren habe die Zahl der erkrankten jungen Erwachsenen und die der Jugendlichen zugenommen.
Diabetes ist zur Volkskrankheit geworden. Die Selbsthilfegruppe wurde 1998 mit sieben Mitgliedern gegründet. „Heute haben wir rund 65 Mitglieder“, sagt Kulba, der den Vorsitz der Gruppe übernommen hat. Damit hat Vaihingen nach Ludwigsburg die zweitgrößte Diabetikergruppe im Landkreis. Neben genetischen Faktoren spielen vor allem die schlechten Ernährungsgewohnheiten in Europa eine Rolle. Denn über 80 Prozent der Typ-2-Diabetiker sind übergewichtig.
„Wer zu viel isst, hat einen ständig erhöhten Blutzuckerspiegel“, erläutert Jürgen Stanger von der Selbsthilfegruppe, die es in Vaihingen bereits seit zehn Jahren gibt. Als Reaktion auf die Zuckerkonzentration setzt der Körper immer mehr Insulin frei. Die große Menge des Hormons kann von den Körperzellen aber nicht aufgenommen werden. „Dadurch werden die insulinproduzierenden Zellen so stark belastet, dass sie nach einigen Jahren absterben“, sagt Stanger. Die Folge sei dann ein Diabetes mellitus.
„Diabetes verursacht keine Schmerzen“, sagt Egon Kulba. Deshalb sei die Dunkelziffer enorm hoch. Der Typ 2 der Diabetes werde häufig erst zufällig im Rahmen einer Routine-Untersuchung diagnostiziert. „Viele Menschen suchen zum Beispiel einen Arzt auf, weil sie ständig einen extremen Durst verspüren“, sagt Kulba. Dort bekämen dann viele gesagt, dass sie an Diabetes leiden und dass ihr Körper versuche, die hohe Zuckerkonzentration über den Urin auszuscheiden. Daher kommt der Begriff Diabetes mellitus. Es handelt sich um ein griechisch-lateinisches Kunstwort, welches so viel wie „honigsüßer Durchfluss“ bedeutet.
Beim Typ-1-Diabetes ist das anders. Dabei handelt es sich um eine Autoimmun-Reaktion des menschlichen Körpers: Das Immunsystem der Patienten zerstört die Zellen, die eigentlich das benötigte Insulin herstellen sollten. „Da in diesem Fall das notwendige Hormon ganz fehlt, treten auch die Symptome der Krankheit schneller auf“, sagt Uli Hausmann, der seit mehr als 50 Jahren an diesem Diabetes-Typ leidet.
Die ersten Anzeichen sind bei beiden Typen der Stoffwechselkrankheit gleich: Müdigkeit, Leistungsminderungen und Konzentrationsschwächen lassen auf Diabetes schließen. Außerdem können Hautinfektionen, Juckreiz und eine Neigung zu schlecht heilenden Wunden Hinweise sein.
Und auch die möglichen Behandlungen der beiden Typen unterscheiden sich kaum. „Man muss regelmäßig seine Blutzuckerkonzentration messen“, sagt Kulba. Das gehe mittlerweile, dank der Technik, ganz einfach. „Man sticht sich mit dem Messgerät in den Finger und gibt einen Tropfen Blut auf einen Messstreifen“, erläutert er. Wenige Sekunden später stehe das Ergebnis fest. Wenn der Blutzuckerwert zwischen 90 und 110 Milligramm pro Deziliter liege, sei alles in Ordnung.
Ist die Zuckerkonzentration zu hoch, muss Insulin gespritzt werden. „Wie oft man sich spritzen muss, hängt davon ab, welche Art Insulin man verschrieben bekommen hat“, sagt Kulba, der am Anfang Angst gehabt habe, sich selbst zu spritzen. Mit der Zeit habe er aber festgestellt, dass sich die Sache schlimmer anhört, als sie ist. Für Patienten mit dem Diabetes-Typ 2 gibt es allerdings eine Alternative zur Spritze: „Die Zuckerkonzentration kann in diesem Fall auch über Tabletten, die die Insulinaufnahmefähigkeit des Körpers verbessern, reguliert werden.“
Die Vaihinger Diabetiker-Gruppe trifft sich jeden vierten Montag im Monat in den Räumen der Sozialstation im Haus am Pulverturm. „Dazu sind natürlich auch Menschen eingeladen, die nicht Mitglied bei uns sind“, sagt Egon Kulba. Zu jedem Treffen werde ein Referent eingeladen. Der nächste Gast sei am 28. April eine Krankenschwester aus Ludwigsburg, die als Diabetesberaterin arbeite.
- Stichwort
Insulin ist ein Hormon, welches in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird und für den Kohlenhydratstoffwechsel notwendig ist. Es senkt den Blutzuckerspiegel. Bei einem gesunden Organismus wird es freigesetzt, sobald Zuckerkonzentration den Normalwert von 90 bis 110 Milligramm pro Deziliter übersteigt. Die wichtigste Wirkung von Insulin besteht darin, die Durchlässigkeit der Zellmembranen für Zucker zu erhöhen, sodass dieser schneller in die Leber, in Muskelzellen und das Fettgewebe aufgenommen und dort abgebaut oder in veränderter Form gespeichert werden kann. Da das Insulinhormon im Verdauungskanal zerstört werden würde, müssen sich Diabetes-Patienten das Hormon unter die Haut spritzen. In Form von Tabletten kann Insulin nicht verabreicht werden. Es gibt zwei verschiedene Insulinarten, die heute gentechnisch hergestellt und bei der Behandlung von Diabetes mellitus meist kombiniert werden. Sie unterscheiden sich in ihrer Wirkungszeit. Altinsulin wirkt schnell, wohingegen die Wirkung der so genannt Verzögerungsinsuline erst viel später wieder abnimmt. (sk)
