Donnerstag, 17. Mai 2012

Streit um Hochwasserschutz


Erhöhung des bestehenden Damms in Riet. Foto: Bögel
Erhöhung des bestehenden Damms in Riet. Foto: Bögel

Riet (ub) – Der Ortschaftsrat Riet bleibt seiner Position treu. Am Donnerstagabend sollte vor großer Zuhörerschaft die neue Abfolge der Hochwasserschutzmaßnahmen beschlossen werden. Dabei votierte das Gremium bei vier Ja-Stimmen, zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung dafür, die Maßnahme M7 (die zwei Rückhaltebecken zwischen Riet und Eberdingen) nicht wie die Verwaltung vorschlägt zurückzustellen, sondern ganz herauszunehmen.
Am 15. April findet zum Thema Hochwasserschutz im Strudelbachtal auch eine Bürgerversammlung in Riet statt. Einen Tag später entscheidet der Gemeinderat über die Reihenfolge der Schutzmaßnahmen.
Am Zweckverband „Hochwasserschutz Strudelbachtal“ sind die Gemeinden Eberdingen und Weissach, der Landkreis Böblingen sowie die Städte Ditzingen und Vaihingen beteiligt. Aufgabe des Zweckverbandes ist die Herstellung des Hochwasserschutzes für das Einzugsgebiet des Strudelbachs auf der Grundlage der Flussgebietsuntersuchung des Ingenieurbüros Hutarew. Angestrebt wird ein Schutzgrad für ein 50-jähriges Niederschlagsereignis, dem HQ 50. Der Schutzkatalog umfasst 16 Maßnahmen M1 bis M16 – Kosten mindestens zehn Millionen Euro. Das Regierungspräsidium Stuttgart hat im April 2004 den Fördersatz auf 70 Prozent festgelegt.
Zwar wurde bereits vom Zweckverband im Jahr 2003 die Reihenfolge der Hochwasserschutzmaßnahmen festgelegt, aber in Riet und Eberdingen kamen die Zweifel an der sachlichen Notwendigkeit in Verbindung mit dem hohen finanziellen Aufwand hoch. In Eberdingen hat der Gemeinderat dem Bau des Beckens R4 zwischenzeitlich zugestimmt und weitere Maßnahmen auf eigene Kappe beschlossen. In Riet verfestigte sich dagegen der Widerstand, insbesondere gegen das 50000 Kubikmeter Wasser fassende Rückhaltebecken auf Höhe des Sportplatzes. Eine Bürgerinitiative für angemessenen Hochwasserschutz formierte sich, Unterschriften an den Oberbürgermeister wurden übergeben.
Zur Überprüfung der Eingangsdaten der Flussgebietsuntersuchung des Ingenieurbüros Hutarew sind zwei weitere Büros hinzugezogen worden, „die im Wesentlichen die Stimmigkeit sowie die berechnenden Abflüsse bestätigt haben“, so die Vorlage der Stadtverwaltung. Auch Vertreter des Landratsamtes hätten dem Ergebnis zugestimmt und bestätigt, dass die Förderung mit öffentlichen Mitteln gerechtfertigt sei. Und: Der zwischenzeitlich vorliegende Entwurf der Hochwassergefahrenkarte, der sowohl ein 50-jähriges als auch ein 100-jähriges Niederschlagsereignis planerisch abgrenzt, führe in Riet nicht zu neuen Erkenntnissen. Nach Auffassung der Verwaltung sei mit „neuen gravierenden fachlichen Erkenntnissen, die zu anderen als vom Gemeinderat und der Zweckverbandsversammlung beschlossenen Maßnahmen führen“, nicht zu rechnen.
Auf dem Feld der nicht umstrittenen Maßnahmen müsse nun gehandelt werden. „Wir können die Diskussion nicht ewig führen“, so Vaihingens Bürgermeister Wilfried Nestle bei der Sitzung des Ortschaftsrates am Donnerstagabend. Auch habe das Umweltministerium nach der Überprüfung der Bemessensansätze grünes Licht gegeben. „Wir haben keinen Anlass mehr aufzuschieben.“ Als Kompromiss legt die Verwaltung jetzt einen neuen Zeitplan vor: Das umstrittene Becken in Riet soll erst einmal verschoben werden, dafür könnten die Maßnahmen M2, M5 und M6 (unter anderem die zwei Rückhaltebecken zwischen Riet und Enzweihingen) vorgezogen werden.
Dazu präsentierte Dr. Andreas Hutarew, der Planer und Sachverständige für Wasserbau und Wasserkraft, Sonderlösungen für das Bauwerk R3: Der Querdamm müsste um 60 Zentimeter höher sein als der bisherige Damm zwischen Sportplatz und Gewerbebetriebe in Riet, die Mauer könnte von der ursprünglichen Höhe von 3,20 Meter reduziert und mit einem Hochwasserschutztor versehen werden. Hutarew: „So würden der bestehende Biergarten bei der Gaststätte ‚Zum Strudelbächle’ und der gegenüberliegende Kinderspielplatz erhalten bleiben.“ Der Damm könne als Kaskade mit einer Natursteinmauer ausgebildet werden. Mit den insgesamt sieben Querdämmen, die im Strudelbachtal gebaut werden sollen, werden die Fluten verzögert. Statt mit 18,3 Kubikmeter pro Sekunde soll das Wasser beispielsweise mit sechs bis sieben Kubikmeter durch die Ortslage von Riet fließen. Dazu muss aber auch das Bett ausgebaut werden.
Im Ortschaftsrat wurden die Schutzmaßnahmen aber weiterhin kritisch beurteilt. Ortsvorsteherin Roswitha Haid: „Sechs von zehn Hochwasserereignissen haben nichts mit dem Strudelbach zu tun.“ Man wolle zwar einen Hochwasserschutz im Ort, „wir wollen aber nicht zugemauert werden“. Die bisher aufgetretenen Schäden würden die Ausgaben von zehn Millionen Euro in keiner Weiser rechtfertigen. Und: „Seit 80 Jahren hat es bei uns kein mittleres Hochwasser gegeben.“
Trotz der „verfahrenen Situation“ (Nestle) sollte der Hochwasserschutz mit einem Moratorium beginnen. Durch den Aufschub beim Rieter Becken könnten erst einmal die anderen, unstrittigen Maßnahmen umgesetzt werden. Die beiden Becken zwischen Riet und Eberdingen sind mit einem Volumen von 80000 Kubikmeter konzipiert. Insgesamt haben alle geplanten Becken am Strudelbach ein Rückhaltevolumen von 380000 Kubikmeter.


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