Vaihinger Totenbuch, Teil 3, vorgestellt
Vaihingen (pv/elf) – Nach vier Jahrzehnten akribischer Arbeit erschien jetzt der letzte Teilband der Edition des Vaihinger Totenbuchs 1609 – 1788, Teil drei: 1729 – 1788. Dieser abschließende Band des Totenbuchs stellt gleichzeitig das siebte Beiheft zur Schriftenreihe der Stadt Vaihingen dar. Der Vaihinger Historiker Dr. Manfred Scheck stellte das kulturhistorische Dokument gestern gemeinsam mit den Mitherausgebern vor.
„Totenbücher sind die Quellenart im protestantischen Deutschland, die am weitesten verbreitet ist“, sagte Scheck. „Es gibt übrigens ausschließlich in Vaihingen eine Edition eines Totenbuchs.“ Vor allem aufgrund seiner Anmerkungen zu den Toten sei das vorliegende Buch so wertvoll. Damit sei es nicht nur ein Nachschlagewerk sondern zugleich eine „unersetzliche Quelle für die Mentalitätsgeschichte“. Unersetzliche Hilfe sei ihm seine Frau Heidemarie gewesen, die mühsame Arbeiten wie das Anlegen der Register sowie das Korrekturlesen übernahm.
Oberbürgermeister Gerd Maisch lobte die Schaffenskraft der Herausgeber. Gerade vor dem Hintergrund, dass in Vaihingen durch zwei Stadtbrände und einen Archivverkauf viele Dokumente verloren gingen, sei das Werk von größter Bedeutung. Im neuen Beiheft stecke mehr, als es der bloße Titel erahnen lässt. Auch für die Familienforschung sei es ein wichtiges Nachschlagewerk.
Der große Stadtbrand im August 1693 legte fast alle Gebäude innerhalb der Mauern Vaihingens in Schutt und Asche; auch die meisten schriftlichen Aufzeichnungen gingen damals in Rauch auf. Zu den wenigen Dokumenten, die von der Feuersbrunst verschont blieben, gehört das im Jahre 1609 angelegte Totenbuch, das sich heute im Vaihinger Dekanatsarchiv befindet. Um das Original zu schonen und die Forschung weiter zu fördern, wurde das Totenbuch von dem Vaihinger Historiker Dr. Manfred Scheck zusammen mit seiner Frau Heidemarie ediert und in der Reihe der Beihefte zur Schriftenreihe der Stadt Vaihingen an der Enz herausgegeben. Der dritte Teilband der Edition des Vaihinger Totenbuches bildet den Abschluss einer Arbeit, die sich mit vielen Unterbrechungen über rund vier Jahrzehnte hinzog und deren Ergebnis man ohne zu übertreiben als kulturhistorisches Dokument ersten Ranges bezeichnen darf.
Die großen Katastrophen des 17. Jahrhunderts lagen im Jahr 1729, mit dem der dritte Teilband einsetzt, zwar bereits eine Generation zurück, aber auch die restlichen 60 Jahre, die hier ihren Niederschlag finden, waren eine Zeit voller Unruhen, die eine nachhaltige Erholung von den wirtschaftlichen Tiefschlägen, die die Stadt mehrfach getroffen hatten, verhinderten. Unwetter führten immer wieder zu Nahrungsmangel und Teuerung, Seuchen grassierten, und ein Großbrand legte im Jahr 1784 ein ganzes Stadtquartier mit 30 Häusern in Schutt und Asche. Der Band umfasst also eine unruhige, von Unsicherheit geprägte Zeit.
Die jetzt vorgelegten Einträge aus einem Zeitraum von 60 Jahren wurden lediglich von vier Pfarrern vorgenommen, die sich mit unterschiedlichem Eifer des Totenregisters annahmen. Auch wenn der Informationsgehalt des Niedergeschriebenen dadurch sehr unterschiedlich ist, stellen die Aufzeichnungen eine fast unerschöpfliche Quelle für die verschiedenartigsten Fragestellungen der Forschung dar.
Verzeichnet wurden in der Regel nur diejenigen Toten, die in der Stadt „ehrlich“ begraben wurden. Verbrecher, die man hingerichtet hatte, erhielten kein Begräbnis, sie wurden auf dem Schindanger verscharrt und sind auch hier nicht aufgeführt – auch nicht der Prominenteste unter den Hingerichteten, Friedrich Schwahn, der „Sonnenwirtle“. Er erhielt erst später eine Anmerkung durch einen an der Geschichte interessierten Pfarrer.
Dass selbst im Tode keineswegs alle Menschen gleich sind, ist eine uralte Tatsache, die auch für die Begräbnisse in einer württembergischen Amtsstadt im 17. und 18. Jahrhundert galt. Üblich war ein Nachruf, den der Schulmeister am Grabe hielt und der ihm ein Zubrot einbrachte. Für den mit der Leitung der Kurrende beauftragten Lehrer konnte ebenfalls eine Sondereinnahme abfallen, wenn die Hinterbliebenen einen Grabgesang wünschten. Besser angesehen war eine Predigt, die gegen Bezahlung vom Pfarrer oder gar vom Dekan in der Kirche gehalten wurde, weshalb dieser Umstand im Totenbuch zumindest während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ausdrücklich vermerkt wurde. Auch hierfür wurde eine Gebühr fällig.
Theologisch begründete Probleme hatte die Kirche mit Menschen, die vor ihrem Tod besinnungslos waren oder das Heilige Abendmahl nicht empfangen konnten und daher nicht „wohl vorbereitet“ starben. Hervorgehoben wurden auch alle, die in der Gesellschaft als religiöse oder soziale Außenseiter erschienen. Selbstverständlich tauchen auch Frauen auf, die schlecht beleumundet waren. Kein Mitleid zeigt die Kirche gegenüber den Selbstmördern. Sie wurden konsequent geächtet und erhielten daher auch kein ehrliches Begräbnis.
Das Begräbnis fand grundsätzlich in der Gemeinde statt, auf deren Markung die Menschen gestorben waren; Überführungen, auch wenn es nur in den Nachbarort gegangen wäre, waren nicht üblich. Tote von auswärts, die im ersten Teilband noch in großer Zahl vertreten sind, finden sich im dritten Band in deutlich geringerer Zahl, die sich weiter verringert, wenn man diejenigen abzieht, die als Soldaten in die hiesige Garnison kommandiert worden waren. Eine andere Gruppe unter den Fremden bildeten Handwerker, die auf ihrer Wanderschaft durch die Stadt kamen. Die meisten Fremden starben jedoch im Armenspital, das bereits 1486 unter anderem für die Aufnahme von fremden Kranken vor den Toren der Stadt errichtet worden war und vom Bettelvogt geleitet wurde.
In dem hier betrachteten Zeitraum lässt sich eine wachsende Wertschätzung der Frauen erkennen: Sie kommt nicht zuletzt darin zum Ausdruck, dass viele von ihnen individuelle Züge erhalten. So werden ab 1735 beim Tod eines Kindes auch die Namen der Kindsmütter genannt, wenigstens bis 1777. Bei Frauen aus der Ehrbarkeit, aber auch bei Ehefrauen von Soldaten, werden die Geburtsnamen angefügt, sie werden damit auch in ihrer sozialen Herkunft eher fassbar. Es finden sich aber auch Anzeichen dafür, dass die Frauen selbstbewusster auftraten. So ist etwa in drei Fällen von einer Scheidung die Rede, die wohl von den Frauen ausging.
Interessant sind auch die Eintragungen über die Soldaten in der Stadt. Die Vaihinger Bürger hatten im 18. Jahrhundert immer wieder Einquartierungen hinzunehmen, daneben diente die Stadt als Garnison, hatte also mit einer ständigen Truppenstationierung zu leben, und zwar ab 1694, als Schloss Kaltenstein als Kaserne genutzt wurde. Diakonus Leusler hatte offensichtlich großen Respekt vor den Militärangehörigen. Seine Eintragungen lassen dies jedenfalls vermuten, sind sie doch von einer seltsam anmutenden Ausführlichkeit, was die Bezeichnung der Truppenteile samt deren Kommandanten, aber auch die Informationen über die Herkunft der Soldaten und ihrer Frauen betrifft. Mit den Soldaten tat sich für die Töchter der Stadt ein neuer Heiratsmarkt auf, der auch genutzt wurde: Zahlreiche Mädchen aus Vaihingen, und zwar aus allen Ständen, fanden unter den Soldaten einen Mann. Einige Soldaten blieben auch nach ihrer Dienstzeit (als „Invaliden“) in der Stadt, wie das Totenbuch vermeldet.
In nur drei Jahren haben die beiden Autoren Heidemarie und Dr. Manfred Scheck die Daten für den dritten Band des „Vaihinger Totenbuchs“ aufgearbeitet. Das Werk ist wohl einzigartig. Die Edition kann nicht nur als Nachschlagewerk, sondern gleichermaßen auch als Forschungsmittel dienen – als Nachschlagewerk für Genealogen, als Forschungsobjekt für Bevölkerungsstatistiker, Wirtschaftshistoriker, Medizinhistoriker und Namenskundler.
Das Beiheft zur Schriftenreihe der Stadt Vaihingen an der Enz kann im Stadtarchiv gegen eine Schutzgebühr von 20 Euro erworben werden. Eile ist geboten, denn die Auflage beträgt lediglich 100 Stück. Als Mitherausgeber fungierten übrigens Uta und Dr. Otto-Heinrich Elias sowie Prof. Dr. Ernst Eberhard Schmidt.
