Führung durch das Hofgut Bausch

Erstellt: 15. Januar 2013
Führung durch das Hofgut Bausch Großer Andrang bei der Stadtführung „Abschied und Neubeginn“ mit Reinhard Wahl auf dem Hofgut Bausch in Vaihingen. Foto: Arning

Vaihingen (aa). Diese Vaihinger Stadtführung war einmalig, denn sie kann nicht wiederholt werden. Bereits in der kommenden Woche wird das Hofgut Bausch in der Stuttgarter Straße „platt“ gemacht. Auf dem 74 Ar großen Gelände sollen Eigentumswohnungen entstehen. „Abschied und Neubeginn“ – der Titel der sonntäglichen Exkursion war vielversprechend.
Der Andrang ist gewaltig. Gut 70 Gäste haben sich bei Temperaturen um den Nullpunkt eingefunden. Philipp und Alexander aus Enzweihingen haben erst vor Kurzem die Schule beendet, studieren jetzt Agrarwissenschaften beziehungsweise lernen bei Baywa. Da kann ein Blick in die Vergangenheit der Landwirtschaft nicht schaden. Andere wollen wissen, was hier einmal entstehen soll. „Deshalb bin ich da“, sagt zum Beispiel Herbert Proß, der im benachbarten Haspelweg wohnt. Etwas verloren wirken zwischen den vielen Menschen Elisabeth (81) und Adolf Bausch (85), denen der Hof einst gehörte. Vor zehn Jahren sind sie hier ausgezogen. Es hatte keinen Sinn mehr, „mitten in der Stadt“ Landwirtschaft zu betreiben. Die drei Kinder, ein Sohn und zwei Töchter, hatten andere Interessen.
Der Großvater von Adolf Bausch, ebenfalls ein Adolf, ließ den Hof vor 90 Jahren bauen. Er betrieb auch die Vaihinger Mühle. Das Grundstück im Gewann Haspel (der Name deutet darauf hin, dass man hier in Vorzeiten Seile herstellte) wurde von der Familie Ezel gekauft. Nach den modernsten Gesichtspunkten war die Anlage geplant. Ein herrschaftliches Wohnhaus direkt neben der im Jahre 1903 erbauten Villa Clara, dahinter ein Maschinenschuppen mit Kartoffelkeller und Fruchtboden. Parallel zur Stuttgarter Straße die große Scheune mit Durchfahrt. Hier wurde im Sommer das Getreide gedroschen. Dann in einen eigenen Bau die Stallungen für 34 „Stück“ Vieh und die vier Pferde. In der Mitte ein großer Hausgarten, umgeben von einem Staketenzaun.
August Bausch übernahm den Betrieb, zu dem rund 45 Hektar Land gehörten, und gab ihn an seinen Sohn Adolf weiter, der beim Meisterkurs seine aus Leonberg stammende spätere Ehefrau Elisabeth kennenlernte und mit ihr den Hof führte. „1961 bin ich nach Vaihingen gekommen“, erzählt die langjährige Vorsitzende des Vaihinger und des Bezirkslandfrauenvereins. Inzwischen ist es für sie ein Abschied nehmen auf Raten.
Stadtführer Reinhard Wahl ist bei der Exkursion eine Art Moderator, lässt vor allem Besucher zu Wort kommen, die eine Beziehung zum Hofgut haben. So kann zum Beispiel sein Vater Friedrich viel beitragen. Nach der Schule absolvierte der FDP-Stadtrat hier von 1957 bis 1960 eine landwirtschaftliche Lehre. Wahl kennt jeden Winkel des Gehöfts, weiß, wo der „Schweizer“ (Melker) und der Rossknecht ihre Kammern hatten. Die Besucher sind beeindruckt von der Vielzahl der Zimmer im Wohnhaus, das über einen repräsentativen Eingang mit beidseitiger Treppe verfügt.
Die Haustüre soll beim Abriss gerettet werden, ebenso ein darüber im Treppenhaus angeordnetes Fenster. Hier erkenne man Ansätze des beginnenden Jugendstils, erklärt Reinhard Wahl. Ansonsten mische der Denkmalschutz hier nicht mit. Dass das „bodengute“ Parkett auch rausgerissen werden soll, tut dem Vaihinger Häuslesbauer Alfred Raiser im Herzen weh. „So was findet man nicht mehr.“ Die Besucher erkunden das Haus vom gewölbten Keller bis hinauf zum „liegenden“ Dachstuhl. Drei Generationen haben hier einst gelebt, erzählt Elisabeth Bausch.
Ernte mit „Schlösslern“
und Zwangsarbeitern
Im benachbarten Maschinenschuppen stand viele Jahre der Lanz-Bulldog, der inzwischen als Oldtimer in Pulverdingen im Einsatz ist. Im Untergrund der Kartoffelkeller, drüber der Fruchtboden. Adolf Bausch berichtet in der Scheune von Zwangsarbeitern und Gefangenen, die im Dritten Reich bei der Ernte geholfen haben. Auch auf „Schlössler“ (Insassen des Arbeitshauses auf dem Kaltenstein) habe man zurückgreifen können, „des war a g’schickte Sach‘“. Gut vier Wochen sei man mit der Getreideernte für die rund 30 Hektar Fruchtfläche beschäftigt gewesen (heute braucht man dafür keine zwei Tage), weiß Bausch und wundert sich im Rückblick, „dass da immer schees Wetter war“.
Es wird darüber diskutiert, welchen Sinn der Steg („Katzenlauf“) ganz oben in der Scheune hatte und die Qualität des auf einen steinernen Sockel stehenden Holzes wird bewundert. Dass die Viehhaltung für die Nachbarn schon eine Belastung war, stellt Adolf Bausch nicht in Abrede. „Später mit den 2000 Hühnern war es noch schlimmer.“ Auflagen des Landratsamts hätten dann zur Aufgabe der Tierhaltung gezwungen. Die Stallungen waren noch einige Zeit an die Reitabteilung des Turnvereins vermietet. Doch auch dieses Kapitel ist inzwischen beendet. Die benachbarte Reithalle wurde im vergangenen Jahr abgerissen. Jetzt hat sich dort ein regelrechter See gebildet.
Abschied und Neubeginn. So der Titel der Führung. Über den Neubeginn informiert kurz Kim Hasenhündl von der Wohnbau Oberriexingen (W.O.). Das Unternehmen hat das Areal erworben und will hier möglichst noch in diesem Jahr mit dem Bau von Eigentumswohnungen beginnen. In den vergangenen Tagen wurden die Bäume gefällt und die Gebüsche gerodet. Bis spätestens in zwei Wochen soll mit den Abrissarbeiten begonnen werden. Angepeilt sind rund 35 Wohneinheiten im Geschosswohnungsbau.
Die Erschließung ist von der Gutenbergstraße her angedacht. Ein Stuttgarter Büro erstellt die Entwürfe, die letztlich in einen Bebauungsplan münden sollen, der vom Gemeinderat zu behandeln ist. Eingebunden wird übrigens auch das Tankstellenareal (der Vertrag läuft 2014 aus). Dass es entlang der Stuttgarter Straße keine Mauer geben werde, kann Kim Hasenhündl in der Abschlussrunde schon mal zusagen. Viel mehr über die Zukunft ist aber noch nicht zu erfahren.
Das zum Schluss der Führung ausgeschenkte Williams-Schnäpschen ist ein letzter Gruß an die Vergangenheit. Auf die Zukunft soll bei einer anderen Gelegenheit angestoßen werden.

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