Bürokratie und Behinderte

Erstellt: 18. August 2012
Bürokratie und Behinderte Gerda Winkler aus Vaihingen. Foto: Bögel

Vaihingen (ub). Taubblindheit. Das hat etwas Monströses. Der Verlust des einen zentralen Sinnes lässt sich nicht durch den anderen ausgleichen. Wie soll man eine Straße überqueren, wenn man Autos weder sieht noch hört? Das Einfachste ist unmöglich. Man ist einem stillen, dunklen Raum gefangen. Gerda Winkler streichelt den Hund ihrer Tochter – und lächelt.
Die Gruppe taubblinder Menschen ist klein. Es existieren keine genauen Zahlen, Schätzungen gehen von 4000 bis 6000 Betroffenen aus. Auf dem Papier haben die Taubblinden dieselben Rechte wie die 150 000 Blinden. Eine UN-Konvention regelt diese Rechte, seit 2009 ist sie auch für Deutschland verbindlich. Die Bundesrepublik ist damit verpflichtet, „wirksame und geeignete Maßnahmen zu treffen, um Menschen mit Behinderungen in die Lage zu versetzen, ein Höchstmaß an Unabhängigkeit, umfassende körperliche, geistige, soziale und berufliche Fähigkeiten sowie die volle Einbeziehung in alle Aspekte des Lebens und die volle Teilhabe an allen Aspekten des Lebens zu erreichen und zu bewahren“. Das Europäische Parlament hat Taubblindheit als spezifische Behinderung anerkannt, Deutschland nicht. Also existiert auch kein eigenes Merkzeichen. Dass jemand gleichzeitig blind und gehörlos ist, ist offenbar nicht vorgesehen. Im Schwerbehindertenausweis sind stattdessen die beiden Abkürzungen BI und GI vermerkt. Die eine Behinderung wird isoliert von der anderen betrachtet. In der Verwaltungsmaschinerie liefert dieses Kästchendenken die Betroffenen dem bürokratischen Irrsinn aus.
Gerda Winkler aus Vaihingen kann hinter ihrer roten Brille nur noch hell und dunkel ausmachen. „Umrisse kann ich teilweise noch erkennen“, sagt die 61-Jährige. Mit den 7000 Euro teuren Hörgeräten kann sie der Unterhaltung folgen. Zieht sie die Geräte aus den Ohren, ist Stille. Winkler leidet unter einer peripheren Nervenrückbildung, der sogenannten Charcot-Marie-Tooth-Krankheit. Die Muskeln schwinden, weil die beeinträchtigten Nerven die Befehle des Gehirns für bestimmte Muskelbewegungen nicht übertragen können. Hände, Füße, später Arme und Beine werden schwach. Der Rollstuhl ist die letzte Station. Bei Gerda Winkler wurde die Krankheit im Alter von 27 Jahren entdeckt, als sie am Grauen Star operiert werden musste. Der Sehverlust kam mit der schrittweisen Zerstörung der Netzhaut, das Gefühl aus den Händen schwand. Dazu wurde das Hören immer mühsamer, die Schmerzen nehmen zu. Es ist ein schleichender Prozess.
48 Minuten Pflege am Tag
– das soll genügen?
„Ich will meiner Mutter so lange ein selbstständiges Leben wie möglich bieten“, sagt Cornelia Keller. Seit vielen Jahren pflegt die Tochter, die in Roßwag wohnt, ihre Mutter. 48 Minuten am Tag sieht die Pflegekasse dafür am Tag vor. Ein bürokratischer Witz für die Familie – und nicht der einzige in dieser Geschichte. Schon der Weg zum Arzt sprengt diesen Zeitrahmen. Ein aktuelles Urteil dazu hat das Sozialgericht in Speyer gefällt: Der Zeitaufwand der Begleitperson gehört dazu. Zusätzlich zum festgestellten Hilfebedarf seien Zeiten für das Verlassen und Wiederaufsuchen der Wohnung ansatzfähig. Auch die Wartezeiten der Begleitperson in der Arztpraxis seinen zu berücksichtigen.
Cornelia Keller kennt diese Situationen hautnah. Ihre Mutter ist in der Pflegestufe 1, eine Höherstufung wurde bis jetzt abgelehnt. „Es ist ein dauerndes Kämpfen“, sagt die Tochter. „Immer wieder werden einem Knüppel zwischen die Beine geworfen. Und irgendwann haben die Betroffenen keine Lust mehr weiterzukämpfen“, klagt Keller.
Ihre Mutter macht sich auf den Weg ins Wohnzimmer. In der Wohnung kennt sie sich aus. Im Eck steht der Mobilitätstrainer. Schon um dieses Trainingsgerät zu bekommen, waren zwei Anträge bei der Krankenkasse nötig. Im Ofen in der Küche bäckt das Brot. Gerda Winkler braucht eine bestimmte Diät, damit die Krankheit verzögert werden kann. Tierisches und pflanzliches Eiweiß darf sie nicht essen, ein teurer Ersatz muss gekauft werden. Selbstständig kann die 61-Jährige nicht mehr kochen, das Gefühl in den Händen ist weg.
Die Tochter legt jetzt ein Schreiben des Landratsamtes Ludwigsburg auf den Tisch. Bisher gab es Landesblindenhilfe in Höhe von 409,03 Euro im Monat. Das wird künftig gekürzt, weil die Pflegeleistungen mit angerechnet werden. 141 Euro gibt es weniger. Wieder muss die Familie mit der Bürokratie kämpfen und Einspruch einlegen. „Notfalls gehen wir da auch gerichtlich dagegen vor“, sagt die Tochter. So werde in der anerkannten Pflegestufe die Blindheit der Mutter nicht berücksichtigt. In anderen Bundesländern erhalten taubblinde Menschen deutlich mehr Geld, in Bayern bereiten die Grünen und die SPD eine Gesetzesänderung vor, damit Taubblinde finanziell besser gestellt werden. Aber auch der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg hat bereits vor Jahren festgestellt, „dass sich im Landesblindenhilfegesetz keine Rechtsgrundlage dafür findet, den Anspruch eines Mehrfachbehinderten je nach dem Grad der anderen nicht blindheitsbedingten Behinderungen abgestuft zu kürzen“.
Für Cornelia Keller und ihre Mutter sind die Reibereien mit den Behörden und Kassen „nervenaufreibende Rennereien“. „Da schiebt einer dem anderen den Schwarzen Peter zu“, schimpft Keller. Für alles, was Linderung für ihre Mutter bringe, müsse man kämpfen. Aufgeben wollen die beiden Frauen nicht – noch nicht.

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